Ich und die anderen

«In Demut schätze einer den andern höher ein, als sich selbst.» (Phil. 2,3b)

In unserer Familie wurde die Geschichte von einem schwächlichen Büblein kolportiert, dem die Eltern vorgeschrieben haben sollen, es müsse sich, nach seinem Namen gefragt, mit den Worten vorstellen: «Hansli M., es Hüffeli Eländ.» Das ist lange her, und was aus dem Büblein geworden ist, ist unbekannt. Vielleicht wünschte er seine Eltern im Geheimen jeden Tag ins Pfefferland und wurde trotz allem ein ganzer Mann. Selbsterniedrigung ist heute zum Glück unter Erziehern keine Methode mehr. Ohne eine solide Basis an Selbstvertrauen und Selbstachtung kann wohl niemand ein Leben in Würde führen. Das hat zweifellos auch Paulus gewusst, anders hätte er sein Missionswerk nicht bewältigen können. Er kann daher seine Anweisung auch den Philippern nicht wörtlich so zugemutet haben. 

Vielleicht geht es ihm eher um alle möglichen Vorurteile. Jeder Mensch ist mir im Grunde Konkurrent. Ich treffe ihn, sehe an ihm Sympathisches und Unangenehmes und beurteile ihn dann nach meinen eigenen Kriterien. Sehe dabei vielleicht an ihm auch Züge, die ich bei mir selbst kenne und nicht liebe. Dann setze ich ihn hinab – und rette damit meine eigenen Unzulänglichkeiten. Ein böses Spiel. Paulus dürfte meinen, wir sollten uns darauf nicht einlassen. Jeder Mensch ist mehr und anders als das, was ich in ihm erkennen kann. Er hat daher das Recht, von mir in seiner wirklichen Eigenheit wahrgenommen zu werden. Das fordert mich. Ich muss mich zurücknehmen, um ihn hervortreten zu lassen. Und siehe, es könnte sein, dass mir jetzt ein ganz Anderer gegenübersteht als der, den ich eingangs nur flüchtig wahrgenommen hatte.

Pfarrer emeritus Niklaus Reinhart