Mord im Kinderzimmer

«Aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiss und sein Blick senkte sich.» (Gen 4,5)

Manchmal spielen sich tragische Szenen im Kinderzimmer ab: Kind eins spielt zufrieden mit einem bestimmten Spielzeug. Kind zwei will unbedingt mit demselben Spielzeug oder einfach mit Kind eins mitspielen. Um dieses Ziel zu erreichen, stört es Kind eins und wenn es gelingt, schnappt Kind zwei, Kind eins das Objekt der Begierde weg. Tränen fliessen, Wut entbrennt, Hiebe oder Bisse folgen, Gerangel bis jemand dazwischen geht.

Andere Szene. Kind zwei lümmelt auf dem Schoss der Mutter herum, lässt sich kraulen, geniesst die Aufmerksamkeit. Kind eins schielt mit zusammengepressten Lippen auf das zärtliche Geschehen, drängelt sich dazwischen, liegt auf Kind zwei drauf, dass es gestört wird, oder schiebt es einfach weg. Resigniert wendet sich Kind zwei ab oder beginnt zu weinen und zu klagen.

Es gibt einen Satz aus Kindermündern, der all das auf den Punkt bringt: «Ich will aber auch.» Kinder, und nicht nur die!, ringen um Aufmerksamkeit und Anerkennung. Kinder gönnen anderen Kindern nicht immer die Zufriedenheit, sondern wollen selbst im Mittelpunkt. Eine Art Konkurrenz, die in der Geschichte von Kain und Abel tödlich endet. Neid und Eifersucht stachelt Geschwister gegeneinander auf. Die Angst, zu kurz zu kommen, treibt zur Weissglut. Erbsünde? Erbe der Menschheit? Bittere Realität?

In der Regel kommt es nicht zum Geschwistermord im Kinderzimmer. Die Kinder lernen mit ihren Gefühlen umzugehen. Dennoch überträgt sich das eifersüchtige Wetteifern allem Anschein nach auch in die Motivation der Erwachsenen, wo sie so tief verwurzelt bleibt, dass manche den Wettbewerb bewusst zu ihrem «Credo» machen.

Lenz Kirchhofer