Gottesbilder und ihre Prägung

Gott als «Ort», der sowohl «Inhalt als auch Behälter» ist.

Wir alle stellen uns im Laufe des Lebens die Frage nach dem Tod und dem Sinn des Lebens, nach seiner Nützlichkeit und dem Sinn des Weitermachens. Foto: Shutterstock

Paolo Rossi, engagiert im Tessin und Mitglied im Synodalrat, denkt über Gottesbilder nach und wie diese existentielle Fragen beeinflussen.

Der anthropomorphe Gott

Meine katholische Erziehung hat mein Gottesbild geprägt: Ich habe die Erfahrung eines anthropomorphen Gottes gemacht, der anders ist als ich, nämlich allmächtig, allwissend. So ein Gott urteilt über uns und greift nach eigenem Ermessen in die irdischen Angelegenheiten ein. Es ist ein Wesen, das von unserer Welt losgelöst ist, mit dem wir in einem dualen Verhältnis stehen und auf persönlicher Weise in Beziehung treten. Dieser Gott diktiert uns, in der Erwartung eines ersehnten Lebens nach dem Tod, eine Reihe von Vorschriften zu befolgen, die unsere individuelle Freiheit einschränken. Das Konzept von Freiheit kann in Folge dessen als ein negativer Wert empfunden werden: Es besteht die Möglichkeit, die Regeln zu missachten und sich somit für ein Leben in Sünde zu entscheiden, mit den vorstellbaren posthumen Konsequenzen.

Existentielle Fragen

Wir alle stellen uns im Laufe des Lebens die Frage nach dem Tod und dem Sinn des Lebens, nach seiner Nützlichkeit und dem Sinn des Weitermachens. Die Entwicklung von Gesellschaft und Technik nimmt uns diese Angst nicht weg. Nach soziologischen und statistischen Verhaltensanalysen in Bezug auf die traditionellen Kirchen, verschafft uns auch die religiöse Botschaft keine Erleichterung mehr: Sie besteht aus nicht mehr verständlichen Symbolen – das Lamm, das Reich, der brennende Dornbusch – und aus Inhalten von Macht und Kontrolle.

Um die Grundzüge dieser existenziellen Fragen zu erkennen, müssen wir den Rahmen sprengen und unseren Blickwinkel ändern. Meine Erfahrungen in der Christkatholischen Kirche haben mir in diesem Sinne sehr geholfen. Diese Kirche hat mir vor allem bewusst gemacht, dass, wenn der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist, alle mit ihm in Berührung kommenden Erfahrungen, per definitionem gesegnet sind. Daher gibt es keine gerechten Religionen (nicht einmal «gerechtere»), genauso wenig wie es ein «auserwähltes Volk» gibt.

Befreiung und Freiheit

Ich erkannte, dass die Verkündigung Christi eine Botschaft der Befreiung ist. Wir haben die Freiheit, innerhalb gesellschaftlich akzeptierter Grenzen, den eigenen Charakter ohne äussere Konditionierung durch Eltern, Kirche oder Ideologie zu leben. Die Freiheit, die Identität eines jeden zu respektieren und unsere Grenzen zu akzeptieren. Gleichzeitig sollten wir versuchen, über diese Grenzen hinauszugehen, um Neues zu erfahren, uns selbst jeden Tag zu hinterfragen. Mit den Worten der Bischöfin der Altkatholischen Kirche Österreichs, Maria Kubin, haben wir die Pflicht, unseren «Glauben auszudrücken und ihn kritisieren zu können».

Kontinuität des Lebens

Mir wurde bewusst, dass es keine Zäsur zwischen Leben und Tod gibt, sondern Kontinuität. Dies können wir, teilweise, auch in dieser irdischen Erfahrung erfassen, wenn wir unseren Geist schulen. Die Kontinuität des Lebens ist in etwa wie ein Videogame, bei dem man von einem Level zum nächsten geht; die Level sind miteinander verbunden, nur die Tiefe der Wahrnehmung ändert sich. Oder wie die Entwicklung der künstlichen Intelligenz, die sich je nach gesammelten Erfahrungen weiterentwickelt, und effektiver wird je freier und offener diese sind.

Gott als Ort

Schliesslich ermöglichte es mir die Christkatholische Kirche, Theologie in ökumenischer Weise zu entdecken, da sie christliche Denker unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zusammenbringt. Sie befähigte mich, das anthropomorphe und wertende Gottesbild zu überwinden, indem sie Gott als einen «Ort» ansieht, der sowohl «Inhalt als auch Behälter» ist. Eine aus der Physik entlehnte Metapher: Innerhalb der physikalischen Grenze eines Atoms (Behälter) treten mittels Energie Teilchen unterschiedlichen Grades und Inhalts in Beziehung miteinander (Inhalt). Die drei Schlüsselwörter sind der Ort («Paradies=Gott»), die Subjekte (wir Individuen, mit Gott zu einer Einheit verschmolzen) und die uns verbindende Beziehungsenergie (die Liebe oder «der Heilige Geist»)

Dialogische Gemeinschaft

Kirche darf und kann nicht als Regelwerk, Tradition und Macht verstanden werden, sondern als eine lebendige dialogische Gemeinschaft, die auf der Suche nach dem Gleichgewicht in der Liebe ist und es täglich auf einem nicht linearen Weg entdeckt.

Paolo Rossi