Hirtenbrief des Bischofs an die Christkatholikinnen und Christkatholiken

Ehe für Alle. Vorwärts machen. Aber mit Rücksicht auf Bibel, Tradition und Andersdenkende

«Gott schuf also den Menschen als sein Abbild, als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch.»
(1. Buch Mose Genesis 1,27 und 28a)

An die Christkatholikinnen und Christkatholiken

Liebe Schwestern und Brüder,
Wegen der Komplexität werde ich meinem liturgischen Lösungsvorschlag Überlegungen zu folgenden zwei Themen vorausschicken:

  • Worum geht es beim Thema Ehe für Alle in unserer Kirche konkret und worum geht es nicht?
  • Bedeutung von Bibel und Tradition für unsere Entscheidungen

1. Worum geht es beim Thema Ehe für Alle in unserer Kirche konkret und worum geht es nicht?

Es geht nicht um die Bewertung von Sexualität

Die Bibel und der christliche Glaube sind nicht sexualfeindlich. Sexuelle Enthaltsamkeit auf Dauer ist nur sehr wenigen Menschen von Gott gegeben. Nach heutigem Stand der Wissenschaft sind sexuelle Präferenzen eine Veranlagung. So gesehen spiegelt die Vielfalt sexueller Orientierungen die Fülle der Schöpfung wider. Grenzen, die gesetzt werden, sind kulturell, religiös usw. bedingt und werden vom Einzelnen in freier Verantwortung gewählt, insofern sie nicht gesetzlich geregelt sind. Daher geht es für mich bei dem Thema Ehe für Alle nicht um Formen der gelebten Sexualität, sondern um die Frage, welche Sozialform des Zusammenlebens Gott in seiner Schöpfung hervorhebt. Und das ist für mich, gemäss der Bibel und der Tradition der Kirche, die in der Familie eingebettete Ehe zwischen Mann und Frau mit dem Schöpfungsauftrag, sich die Erde untertan zu machen und sich zu vermehren. Und letzteres ist nur mit der natürlichen Weitergabe des Lebens vorgesehen. Alle anderen Sozialformen sind gleichwertig, aber anders. Sie können natürlich auch Familie sein. Mir geht es nicht darum zu werten, sondern um die Frage, wie Kirche angesichts von Bibel und Tradition mit neuen Lebensformen, die die Bibel nicht kannte, sinnvoll umgeht.

Neues Evangeliar 2020

Alle Menschen sind als Ebenbilder Gottes in der Christkatholischen Kirche vollwertige Mitglieder

Die Zweiteilung der Menschen in Männer und Frauen wird heute in Zweifel gezogen. Viele Länder kennen in ihrem Recht mindestens drei Geschlechter, nämlich weiblich, männlich und divers (nicht-binär). Nach bisheriger Regelung in unserer Kirche ist das Sakrament der Ehe heterosexuellen Paaren vorbehalten, während alle anderen eine Partnerschaftssegnung feiern können. Das spiegelt bis jetzt auch die staatliche Regelung in der Schweiz wieder.

Die bisherige Differenzierung beruht sowohl auf der zivilrechtlichen Regelung (Ehe für heterosexuelle Paare und Eintragung einer Partnerschaft für andere) als auch der schöpfungstheologischen Annahme, dass alles gleichwertig, aber nicht identisch sei.
Im Hinblick auf die nun in der Schweiz ins Auge gefasste zivilrechtliche Ehe für Alle wird die bisherige Regelung in unserer Kirche (Sakrament der Ehe und Partnerschaftssegnung) von einigen als diskriminierend empfunden. Sie wünschen ein Segnungsformular für Alle.

Jede Veranlagung hat ihre Vor- und Nachteile. Es ist daher im Leben nicht alles möglich

Zum christlichen Menschenbild gehören der Wunsch und die Aufgabe, sein Leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu führen. Zugleich stossen wir bei der Selbstverwirklichung an Grenzen verschiedener Art, sei es zum Beispiel der Begabung, der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, des Geschlechts und des selbstgewählten Wertesystems (z.B. die zehn Gebote, Monogamie, Treue). Nicht alles ist deshalb im Leben möglich. Mir ist bewusst, dass ich niemand anderem vorschreiben kann, was er zu denken und zu glauben hat. Der Arzt und Psychiater Viktor Frankl sagt: Moral und Ethik im alten Sinne gibt es nicht mehr. Sie definiert sich neu durch das, was der moderne Mensch tut und tun will und als die Erfüllung seines Lebenssinnes sieht. Aber Kirche muss deshalb in ihrem «Sinn- und Werteraum» nicht alles nachvollziehen. Die Orientierung ist die Bibel und die Tradition.

2. Bedeutung von Bibel und Tradition für unsere Entscheidungen

Sie sehen auf der Titelseite des Hirtenbriefes unser Evangeliar abgebildet. Es ist schriftlich und durch Abbildungen punktuell belegt, dass es bei Ökumenischen Konzilien und anderen Synoden des Ostens und Westens den Brauch gab, in die Mitte der Versammlung auf einen leeren Thron ein Evangeliar zu legen. Durch diese Symbolik wurde bezeugt, dass letztlich Christus der Vorsitzende dieser Versammlung ist und nicht ein Kaiser, Papst, Patriarch, Bischof usw. Es gibt auch Darstellungen, wo anstatt Christus dort Gott Vater selbst oder der Heilige Geist in Form einer Taube sitzt. Zugleich wurde die Symbolik aber auch so interpretiert, dass eine Synode nichts beschliessen kann, was dem Geist der Bibel und der Tradition der Kirche widerspricht. Bei einem der altkirchlichen Konzilien erklärten die Teilnehmer Kyrillos und Tharasios wörtlich: «Die Heilige Synode gab Christus den Vorsitz. Wir bestellten Christus zum Vorsitzenden.» In den Quellen des 4. Jahrhunderts wird der leere Thron auch als Hinweis auf die Erwartung des Jüngsten Gerichtes verstanden. Als Mahnung, bei allen Entscheidungen Christus bzw. das Evangelium als Orientierung zu nehmen. Das wird bei uns heute in der Liturgie so ausgedrückt, dass das Evangeliar beim Einzug in die Kirche getragen und dann auf den Altar gelegt wird. Im normalen Gottesdienst macht dies Sinn. Bei einer Synode finde ich den Brauch, das Evangeliar auf einen Ambo in die Mitte der Versammlung zu legen, sinnvoller. Bei der Weihe eines Bischofs / einer Bischöfin halten zwei Diakone / Diakoninnen das geöffnete Evangeliar bis zum Schluss des Weihegebetes über den Kopf der ins Bischofsamt gewählten Person.

Wir Christinnen und Christen wissen alles Wichtige über Gott, den Heiligen Geist und Jesus Christus aus der Bibel. Wir können unser Verständnis der Welt und ihrer Zusammenhänge nur aus der Bibel gewinnen und aus ihrer Auslegungsgeschichte in der Tradition der Kirche.

Als Christinnen und Christen glauben wir nicht an die Bibel, weil sie die Bibel ist, sondern weil uns ihre Texte ansprechen und einleuchten im Kontext unserer Zeit. Bibel wird immer wieder neu das Wort Gottes, in dem der Heilige Geist in Gottes Kirche hineinwirkt. Insofern bilden Bibel und Tradition eine Einheit. Zugleich gilt es die Grenzen zu akzeptieren, die die Bibel setzt. Wir können nichts Gegenteiliges beschliessen. Das Ringen in der Kirche und zwischen Kirche und Gesellschaft in diesen Fragen ist für mich «Evangelisierung»: Kirche in der Welt sein. Weder kann die Kirche die Gesellschaft beherrschen. Noch kann die Gesellschaft der Kirche vorschreiben, was diese wie zu segnen hat. Kirche kann den Glauben (unsere Sicht von Ehe und Familie) nur vorleben im Sinne einer Sauerteigfunktion, die die Gesellschaft von innen durchdringt. Daher ist die primäre Frage nicht, was die Gesellschaft möchte, sondern was für uns im Glauben stimmig ist.

Unterscheidung zwischen staatlicher und kirchlicher Ehe

Die Ehe ist weltlich / staatlich ein Vertrag zwischen zwei Menschen, den die Gesellschaft aus verschiedenen Gründen besonders schützt. Historisch betrachtet hat der Staat das Monopol für die Institution Ehe beansprucht. Die Christinnen und Christen der ersten Jahrhunderte haben so geheiratet, wie es der Ortsbrauch der nichtchristlichen Umwelt bzw. der jeweiligen Gesellschaftsordnung war. Allerdings war der Lebenswandel von christlichen Eheleuten und Familien innerkirchlich ein Thema. Sie sollten in allem so leben, wie es der biblischen Botschaft entsprach. Erst mit dem Mittelalter entwickelte sich eine christliche Theologie der Ehe (Dogmatik und Liturgie), die mit der weltlichen zusammenfiel. Mit der Aufklärung, dem Entstehen von modernen Staaten und dem Kulturkampf kam es in dieser Frage wieder zu einer Entflechtung in der Reihenfolge: erst staatliche Eheschliessung, dann religiöse Zeremonie. Kirche kann heute allein keine Ehe mehr rechtlich begründen. Deshalb hat sich unsere Kirche immer an diese Tradition gehalten: zuerst staatliche Eheschliessung, dann Segnung des Paares durch die Kirche. Bereits in der Bibel – vor allem im Alten Testament – gab es, auch wenn die heutigen Ausdrücke noch nicht bekannt waren, Leihmütter, Patchwork-Familien und Kinder, die mehr als eine Mutter und mehr als einen Vater hatten, nämlich einerseits leibliche und andererseits soziale Väter und Mütter. Familien in all ihren alten und neuen Formen kennen die Erfahrung vom Gelingen der Beziehungen und vom Scheitern.

3. Stellungnahme und liturgischer Lösungsvorschlag

Bischof Harald Rein. Copyright © Matthias Wassermann

Die Bibel ist grundsätzlich als Ganzes zu nehmen. Wir müssen das Gesamtzeugnis der Bibel betrachten und die dahinter stehende Vision vom Miteinander der Geschlechter erkennen und in unsere Zeit übertragen. Für mich sind dabei folgende Bibelstellen relevant:

«Dann sprach Gott der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht … Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu. Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie heissen, denn vom Mann ist sie genommen. Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch. Beide, Adam und seine Frau waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.» (Genesis 2,18 und 22-24)

«Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins.» (Markus 10,6-8)

«Nach dem Gespräch Davids mit Saul schloss Jonatan David in sein Herz. Und Jonatan liebte David wie sein eigenes Leben … Jonatan schloss mit David einen Bund, weil er ihn wie sein eigenes Leben liebte.» (1. Samuel 18,1-3)

In diesem Sinn ist der Bund von Mann und Frau von Gott in der Schöpfung als soziale Lebensform hervorgehoben. Etwa 80% aller Menschen leben so. Das bedeutet keineswegs eine Abwertung der anderen 20%. Die Bibel kennt – wie in allen Kulturen und Völkern – gelebte Gleichgeschlechtlichkeit als Bestandteil des Lebens; aber nicht gleichgeschlechtliche Partnerschaften / Ehen im heutigen Sinne.

Wie sollen wir nun weiter vorgehen? Mein Vorschlag: Als moderne Menschen müssen wir hier differenzieren zwischen einer politischen und einer religiösen Betrachtungsweise. Das ist gute christkatholische Tradition.

Deshalb ist zu unterscheiden zwischen dem, was der Staat für alle demokratisch festlegt und der Freiheit der Umsetzung im religiösen Bereich. So kann jemand durchaus bei einer Schweizer Volksabstimmung für die zivilrechtliche Ehe für Alle stimmen und zugleich in der Religion, der er angehört an dem bisherigen Eheverständnis zwischen Mann und Frau festhalten.

Dies ergibt sich, wie oben beschrieben, aus der Tatsache, dass auf dem Standesamt ein allgemeiner Ehevertrag im Sinne einer staatlichen Sozialordnung geschlossen wird und auf religiöser Ebene nachher ein Bund unter dem besonderen Aspekt der Religionszugehörigkeit.

Es kann zivilrechtlich Sinn machen, gesetzlich geregelte Lebensgemeinschaften allen Paaren zu öffnen, unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrer sexuellen Orientierung.

Den internationalen und ökumenischen Kontext berücksichtigen

Eine verantwortungsvolle Lösung muss neben unserem schweizerischen Kontext auch die anderen altkatholischen Kirchen der Utrechter Union und unsere besonderen ökumenischen Partner berücksichtigen. Und gerade deshalb vollzieht sich die Richtigkeit jeder Entscheidung nicht punktuell, sondern erst durch ihre positive Rezeption (gelebte Praxis) und bei der Umsetzung in die Praxis. Gegenwärtig lehnen die orthodoxen Kirchen und die Mehrheit der anglikanischen Kirchen die Ehe für Alle auf staatlicher und kirchlicher Ebene ab. In den altkatholischen Kirchen der Utrechter Union scheint sich ein Patt anzubahnen.

Die Ausserordentliche Session der Nationalsynode 2020 in Zürich als Wegweiser nehmen

Im Grunde genommen kann die theologische Frage der Ehe für Alle wissenschaftlich bzw. er-kenntnistheoretisch nicht objektiv entschieden werden, sondern nur im Glauben. Sie finden in vielen Kirchen Bibelwissenschaftler/innen und Dogmatiker/innen, die die Ehe für Alle in der Glaubenslehre ihrer Kirche befürworten oder ablehnen.

Unsere Kirche hat nach der Ausserordentlichen Synode in Zürich 2020 vier Möglichkeiten.

  • Sie entscheidet mit NEIN und lässt alles beim Alten (Modell Wloemer mit dem Sakrament der Ehe für heterosexuelle Paare und der Partnerschaftssegnung für alle anderen).
  • Sie entscheidet sich mit JA (Modell Krebs mit einem Sakrament und einem Ehesegnungsritus für Alle).
  • Sie entscheidet mit JA (Modell von Arx mit zwei Sakramenten und zwei Segnungsriten)
  • Sie entscheidet offen und überlässt den Rest der Rezeption (gelebte Praxis) (Modell Ring mit verschiedenen Segnungsriten, die auf Lebenssituationen bezogen sind und nicht auf das Geschlecht des Paares).

Segnen ist grundsätzlich sakramental. Das heisst: wenn zwei getaufte und gefirmte Menschen eine Beziehung auf Dauer miteinander eingehen und diese auch unter den Segen Gottes stellen möchten, dann sollte die Kirche diesem Wunsch entsprechen. Segnen drückt aus, dass Gott diese Beziehung bejaht, schützt und begleitet. Unsere gegenwärtige innerkirchliche Kontroverse dreht sich primär um zwei Fragen:

  • In welchem Zeitraum und mit welchem Vorgehen sollen die theologischen und liturgischen Konsequenzen aus der staatlichen Ehe für Alle gezogen werden?
  • Wie erleichtern wir es dabei, traditionell denkenden Christinnen und Christen, gleichgeschlechtliche Partnerschaften als gleich wertvoll wie die Ehe anzuschauen?

Mein derzeitiger Lösungsvorschlag zur Weiterarbeit für die Nationalsynode 2021 ist folgender:

ANTRAG: Die Nationalsynode beschliesst,

  • dass für alle staatlich geschlossenen Zivilehen im Falle einer danach gewünschten kirchlichen Segnung die Gleichwertigkeit gilt (sie sind sakramental, weil gläubige Menschen ihren staatlichen Bund zugleich unter den Segen Gottes stellen möchten);
  • dass der Bischof die Liturgische Kommission beauftragt ein Ritualbuch mit Segnungsriten zu erarbeiten, die sich auf die jeweilige Lebenssituation der Paare beziehen. Das Paar wählt selbst aus.
  • dass die bisherigen Riten Sakrament der Ehe für heterosexuelle Paare und Partnerschaftssegnung für andere Paare in dieses Ritualbuch ebenfalls aufgenommen werden.

BEGRÜNDUNG:

Dieses Vorgehen versucht, die Debatte über Ehe und Familie offen zu halten und nimmt Rücksicht auf unterschiedlich Denkende und Empfindende in der eigenen Kirche, in der Utrechter Union der altkatholischen Kirchen und in der Ökumene. Und das ist auch der Grund, warum das Thema Ehe für Alle beim weiteren Vorgehen das Verfahren für eine Glaubensfrage gemäss unserer Verfassung nahelegt.

+ Harald Rein

 

Der Hirtenbrief 2021 als PDF
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