Karfreitag – 2000 Jahre Zeitenwende

«Ecce homo»; Gemälde von Louis Corinth (1858 – 1925). Im Besitz des Kunstmuseums Basel

Auf dem Karfreitag ruht das christliche Menschenbild. Dieses löste die traditionellen Unterschiede und Hierarchien auf – zwischen Juden, Griechen, Barbaren, Freien, Knechten, Gebildeten und Ungebildeten, Männern und Frauen.

Im Zentrum dieses Menschenbilds steht nicht das Recht des Stärkeren, das Wohlgeratene und Perfekte – wie im antiken Griechenland oder auch im postchristlichen Zeitalter der Selbst-Optimierung des Menschen. Vielmehr spricht das Neue Testament von Armen, Kranken, Leidgeplagten, Irregeleiteten, Besessenen – Abbilder jenes «Menschensohnes», der die Leiden der Menschen annahm und in dem, nach der Weissagung des Propheten Jesaja, «nicht Gestalt noch Schönheit» war.

Umdenken

Die Sorge für andere, besonders für die Armen, Abhängigen, Bedürftigen sollte an die Stelle der Sorge für das eigene Ich, die Perfektion des «höheren Menschen» treten. Der Hass gegen den Anderen sollte abgelöst werden durch Geschwisterlichkeit – ja durch Feindesliebe. Das alles war damals keinesfalls selbstverständlich, ganz im Gegenteil: es ging gegen das Gewohnte und Eingelebte, und setzte einen radikalen Perspektivenwechsel voraus, eine «Metanoia» (griechisch für Umdenken, Umkehr), wie es im Evangelium heisst.

Heinrich Böll zieht aus dieser Revolution des Menschenbilds die provozierende Folgerung: «Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: Für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen.»

Umwertung aller Werte – das ist in der Tat die Wirkung der langsam voranschreitenden, immer wieder bis zum heutigen Tag von Rückschl.gen, Missbräuchen und Verfehlungen unterbrochenen christlichen Zeitenwende. Friedrich Nietzsche mit seinem empörten Aufschrei bezeugt es: «Alle Wertschätzungen auf den Kopf stellen – das müssten sie!»

Keine Jenseitsvertröstung

An einen gekreuzigten Verlierer zu glauben, heisst tatsächlich, für eine Umwertung aller Werte einzutreten: für eine Gegenkultur mit utopischen Idealen. Das Ideal, für das Jesus lebte und für das er gekreuzigt wurde, war keine Jenseitsvertröstung, sondern eine Weltordnung, die nicht auf Macht und Gewalt setzt, sondern auf Gerechtigkeit gründet – Jesus nannte das das «Reich Gottes».

Und auch wenn statt diesem «Reich Gottes» schliesslich die Kirche kam, wie ein Theologe lakonisch diagnostizierte, so ist das doch kein Grund für ein pauschales Kirchen-Bashing. Wir sind blind, wenn wir nur die Defizite sehen. So lange die Kirchen aufmerksam sind auf die Lebensverlorenen, Geknechteten und Abgehängten, so lange sind sie selber nicht verloren.

Hinschauen und aushalten

Der Karfreitag könnte ein Feiertag sein, an dem wir kollektiv nicht die Augen vor dem Elend verschliessen, sondern es uns ganz bewusst vergegenwärtigen, des Leidens gedenken, weil Versöhnung nur durch Erinnerung entstehen kann. memoria passionis. Ein Tag, an dem wir nichts beschönigen, sondern hinschauen: auf die Kriege, auf den Hass, auf die Unterdrückung, auch wenn es uns erschreckt und Angst macht. Ein Tag, an dem wir es aushalten, nicht immer eine Lösung zu haben. Und die Lösungen der Welt mit ihrer Realpolitik nicht mit dem Evangelium verwechseln.

Der Karfreitag könnte ein Feiertag sein, an dem wir es aushalten, dass Gottes Antworten anders sind, und dass er selbst anders ist: Weder der nützliche Idiot, der sich unserer Moral angleicht, noch der allmächtige Zampano, der vom hohen Ross herab die Dinge steuert.

Nein, Gott ist eine, die sich auf unsere Welt eingelassen hat: mitleidet, mithungert, mitstirbt. Und Gott ist nicht tot, weil es einer verkündet hat, sondern weil wir Menschen einander an Kreuze nageln. Weil wir nicht aufhören, Waffen zu schmieden statt Pflugscharen, andere in Kriegen bombardieren, in Meeren ertrinken lassen. Weil wir es zulassen, dass Menschen aus Armut verzweifeln, durch Gleichgültigkeit in Vergessenheit geraten, vor Einsamkeit depressiv werden.

Ecce homo

Mit dem Karfreitag vollzieht sich eine epochale Zeitenwende. Das Mantra heisst nicht mehr «Rausholen was geht» und «Siegen um jeden Preis», sondern «sein Leben hingeben» und «das Böse durch das Gute besiegen».

Wer also eine klare Antwort auf die Frage haben will «Was ist der Mensch?», dem ist sie in dem «Ecce homo» des mit Dornen gekrönten Menschensohnes gegeben.

Theo Pindl