Mitten im lebendigen Geheimnis Gottes

Über das Pfingstbild aus dem Evangeliar Heinrichs des Löwen und Mathildes von England

Die illustrierte mittelalterliche Pergamenthandschrift Heinrichs des Löwen und Mathildes von England (Bild unten) vertieft und erklärt anhand von Bildern die biblischen Texte. Es sind Bildgeschichten, die uns Vorstellungen vom Leben aufzeigen und Fragen zum Glauben auslegen. Wir sehen Symbole, Arbeitsweise, Kleider und Rituale aus der Zeit des Mittelalters.

Gottes Lebensstrom in die Welt

Ganz oben im Pfingstbild erkennen wir eine geöffnete linke Hand. Über die Jahrhunderte hat sich eine erstaunliche Frische und Leuchtkraft der Farben erhalten, sodass man meinen könnte, eine spontane Handbewegung, wie eine schraubende Drehung in die Luft hinauf, zu sehen.

Mit den drei Fingern, von der aus die Wasserströme wie in einen weiten Raum hinein fliessen, lässt sich Dreifaltigkeit kaum kürzer darstellen. Die Hand in ihrer klaren Sichtbarkeit hält auch eine Bewegung fest, womit sie zum Ausdruck gibt: Die Dreifaltigkeit ist kein Labor, keine Geometrie und Mathematik, sondern sie ist Dynamik und Bewegung. So schön wie es das Bild aus dem Evangeliar zeigt, kann es uns zur gleichen Bewegung einladen.

Bewegung von oben nach unten

Sicher ist ein erster Eindruck, dass aus dem obersten dichten Kreis, mit der schöpferischen und schwörenden Hand, farbige Ströme in die ganze Breite fliessen. Sie werden von Psalmensängern, Königen und Propheten begleitet. In Wellen oder wie ein sich entrollender roter Teppich bewegen sich diese Ströme nach unten, auf die Menschen und die Welt und vielleicht auch auf die Kirche zu. Die Ströme falten sich besonders aus in die sieben Tauben, die Gaben des heiligen Geistes. Beim genauen Hinsehen sind sie angeschrieben: Gottesfurcht, Weisheit, Frömmigkeit, Stärke, Rat, Einsicht und Erkenntnis.

Die sieben von oben nach unten fliegenden weiss leuchtenden Tauben verstärken noch einmal die Dynamik der Bewegung und so ergiesst sich der Strom, kommen die Ströme, auf die versammelte Gemeinde, auf Maria und die Jünger – wie an Pfingsten, doch ein Pfingsten, das nicht hinter uns, sondern vor uns liegt. Die einen halten ihren Kopf und ihr Gesicht diesen Strömen entgegen, andere tragen ein Buch oder halten die Hände empor. Maria hält beide Hände offen dem Betrachter entgegen, als wolle sie das, was sie alle erhalten, weitergeben. Alle sind nicht einfach stramm vor sich hinschauend, sondern sind einander aufmerksam zugewandt. Fast meint man, Bildrahmen und Menschengruppe seien zu eng für den darüber hinaus weisenden Strom aus dem innersten Kreis. Das Geheimnis Gottes ist die sich verströmende und verteilende Bewegung. Kein Gott in sich und eingesperrt in ein dreieckiges Gefängnis, sondern ein Brunnen, der überläuft.

Bewegung von unten nach oben

Man kann das Bild auch von unten nach oben anschauen und „lesen“. Man merkt allerdings bald, dass man dabei „den Bach aufwärts“ läuft. Von den vielen Flussarmen und Verzweigungen steuern wir auf die eine Quelle zu, gerade so, wie wir als Buben im Dorfbach aufwärts wateten bis zur Quelle am Waldrand! Von dieser Quelle des einen göttlichen Geheimnisses und Lebens geht der vielarmige Strom aus, und dorthin kehren wir hoffend und vielleicht auch glaubend und betend zurück. Von oben nach unten, von unten nach oben – fast wie beim Jassen „obenabe“ und „undeufe“: Aber immer bewegt und bewegend, nie stillstehend und haltmachend, einsperrend und fixierend.

Dreifaltiger Gott – dreifarbiger Gott

Das schönste – neben der Bewegung – sind aber die Farben dieser Ströme: blau, rot, grün, abwechselnd und sich verteilend. Schauen wir genau hin, erkennen wir die Farben, die schon den obersten Kreis umgeben. Der Kreis selber ist golden, die Hand menschlich leibhaftig, aber um sie herum die gleichen Farben, blau, rot, grün – um die beiden alttestamentlichen Könige und Propheten herum. Rot ist das Feuer des heiligen Geistes, aber auch das Feuer der Liebe und des Herzblutes Jesus, der im Kreuz hinter der Hand ganz oben im Bild gegenwärtig ist. Blau sind die Wasser, die den Durst löschen, blau ist die Quelle des Lebens und „der Fluss, der die Gottesstadt erfreut“ (so im Schriftband links oben) und blau die Wasser am Anfang der Schöpfung, die Ströme aus dem Paradies, der Quell des Geistes, der aus Jesus entspringt, wo “aus seinem Inneren Ströme lebendigen Wassers fliessen“ (Johannes 7, 37-39). Grün ist der Garten des Paradieses und die nach der Sintflut wieder erneuerte Erde: Die „Grünkraft“ allen Wachstums und alles Lebens (Hildegard von Bingen).

Alle drei Farben kommen aus dem einen Geheimnis und führen dahin zurück, aber sie verteilen sich vielfältig und freigebig. Die Farben finden sich verteilt auf den Kleidern und Gesichtern der Menschengruppen – da das Rot, dort das Blau oder das Grün. So mag die Vielfarbigkeit Gottes immer wieder durchzuströmen um zu „färben“. Ob die Menschen dies wissen, dies gegenseitig erkennen, anerkennen, verdanken und feiern? Das Bild der offenen Hand im Zeichen des Kreuzes bedeutet, dass uns eine radikale Freiheit geschenkt ist: in Bezug auf uns, auf die anderen, auf Gott. Blicken wir auf das ganze Bild, ist es wie eine grosse Türe ins Wohnhaus mit all den vielen Zimmern, Treppen und Stockwerken, ins Woher unseres Lebens. Wir bewegen uns mitten im lebendigen Geheimnis Gottes.

Dietrich Wiederkehr


Meisterwerk der Buchmalerei

Das Evangeliar Heinrichs des Löwen und Mathildes ist das Hauptwerk der romanischen Buchmalerei des 12. Jahrhunderts. Einer der Schöpfer des Werkes hat sich am Anfang in dem Buch selbst verewigt: „Liber labor est Herimanni“ (Mönch Hermann hat dieses Buch gemacht). Die Handschrift war für den Marienaltar der Stiftskirche St. Blasius in Braunschweig bestimmt. Mit ihren 226 Pergamentblättern enthält sie in lateinischer Sprache die vier Evangelien des Neuen Testaments, Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Daneben stechen ausserdem ein Widmungsgedicht in goldenen Buchstaben, herrliche Initialen und 20 ganzseitige Miniaturen hervor. Die Masse sind 34, 2 cm Höhe mal 25, 3 cm Breite.

Das Evangeliar stammt aus der Schreib- und Malschule der Benediktinerabtei von Helmarshausen, etwa 50 Kilometer nördlich von Kassel. Der Codex hat eine bewegte Geschichte und viele Handwechsel hinter sich und es war seit den 1930er Jahren nicht mehr bekannt, wo sich das grosse Buch befand. Plötzlich tauchte es im Londoner Auktionshaus Sotheby‘s auf und ein deutsches Bieterkonsortium erwarb die Handschrift am 6. Dezember 1983 für damals 32,5 Millionen DM. Bis dahin war für eine Handschrift nie ein so hoher Preis bezahlt worden. Nach dem Ankauf gelangte die Handschrift 1984 in die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, wo sie noch heute verwahrt wird. (NR)

Für einen befreienden Glauben:
Dietrich Wiederkehr

Dietrich Wiederkehr wurde 1933 in Rudolfsstetten im Kanton Aargau geboren. Mit zwanzig Jahren wurde er Kapuziner. 1962 schrieb er seine Dissertation „Die Theologie der Berufung in den Paulusbriefen“. Ende der 1960er-Jahre wurde Wiederkehr durch eine bahnbrechende Arbeit bekannt, die er im theologischen Standardwerk „Mysterium Salutis“ über die Christologie veröffentlichte. Er war Professor zunächst an der Ordenshochschule in Solothurn (1963-1972), dann an der Universität Freiburg im Üechtland (1968-1974) und Luzern (1974-1997) in den Fächern Dogmatik und Fundamentaltheologie. 1986-1988 war er Rektor der theologischen Fakultät Luzern. (NR)

Bilder:
Mathilde von England (oben) und Heinrich der Löwe (unten)