Das Jahr steht auf der Höhe…

Das Jahr steht auf der Höhe,
die große Waage ruht.
Nun schenk uns deine Nähe
und mach die Mitte gut.
Herr, zwischen Blühn und Reifen
und Ende und Beginn.
Lass uns dein Wort ergreifen
und wachsen auf dich hin.

Kaum ist der Tag am längsten,
wächst wiederum die Nacht.
Begegne unsren Ängsten
mit deiner Liebe Macht.
Das Dunkle und das Helle,
der Schmerz, das Glücklichsein
nimmt alles seine Stelle
in deiner Führung ein.

Das Jahr lehrt Abschied nehmen
schon jetzt zur halben Zeit.
Wir sollen uns nicht grämen,
nur wach sein und bereit,
die Tage loszulassen
und was vergänglich ist,
das Ziel ins Auge fassen,
das du, Herr, selber bist.

Dein Jahr nimmt zu für immer,
und unser Jahr nimmt ab.
Dein Tun hat Morgenschimmer,
das unsre sinkt ins Grab.
Gib, eh der Sommer scheitert,
der äußre Mensch vergeht,
dass sich der innre läutert
und zu dir aufersteht.

Den Text des Mittsommerliedes dichtete Detlev Block, geboren am 15. Mai 1934 in Hannover, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, Professor (h.c.), Schriftsteller, Lyriker und Kirchenlieddichter, 1978.

Die Melodie schrieb Johannes Steuerlein 1575, ursprünglich wohl mit einem weltlichen Text, die im evangelischen Kirchengesang unter dem von Martin Behm verfassten Frühlingslied Wie lieblich ist der Maien bekannt ist. Der Komponist und Dichter Steuerlein, 1547 in Schmalkalden geboren, war Stadtschreiber in Wasungen, dann Kanzleisekretär und Stadtamman in Meiningen, verstarb dort 1613.

Detlev Block nimmt einen ganz bestimmten Zeitpunkt zum Anlass: die Jahresmitte, den Sommeranfang, der nach dem aufblühenden Frühling gewiss zu den schönsten Zeiten gehört und uns meist in Urlaubsstimmung antrifft.

Aber selbst auf der Höhe des Wohlbefindens gibt es Grund zur Nachdenklichkeit. Auf Blüte und Reife folgt regehaft Ernte und Absterben, nach dem längsten Tag werden die Tage wieder kürzer und die Nacht nimmt zu. Der Zyklus der Jahreszeiten nimmt vorweg, was unserem ganzen Leben beschieden ist. Von der Mitte an ist auch an einen näher kommenden Abschied zu denken. Wir müssen frühzeitig lernen, loszulassen, unsere Vergänglichkeit anzunehmen.

Das kann leichtfallen, je klarer das wahre Ziel des Lebens vor Augen steht: Gottes Ewigkeit, in die sein Sohn auferstanden ist. Der Ostermorgen ist die bleibende Antwort auf unsere Ängste.