Dünnes Eis

Liebe Gemeindemitglieder

Was Sie hier in den Händen halten, ist der Ersatz eines bereits gedruckten und versandbereiten Gemeindebriefes, der Ihnen in der österlichen Zeit alle Gemeindeaktivitäten und Gottesdienste angezeigt hätte. All dies wird nicht stattfinden können, da ein kleiner Virus uns zwang, alles abzusagen und die-sen vorbereiteten Versand dem Altpapier zu übergeben. Angesichts der übrigen Konsequenzen dieser Pandemie ist dies ein verschmerzbarer Verlust.

Dünnes Eis
Was wir dieser Tage erleben, macht uns auf erschreckende Weise deutlich, wie dünn das Eis unserer Zivilisation ist. Glücklicherweise mussten wir in der Schweiz die letzten Jahr-zehnte kaum mehr machen, umso überraschender treffen uns die Ereignisse. Das öffentliche, wirtschaftliche und kulturelle Leben ist stillgelegt. Kinder können nicht mehr in die Schule. Gläubige nicht mehr in den Gottes-dienst. Plötzlich beginnen wir Toilettenpapier zu horten als Trutzburgen menschlicher Würde. Die geforderte Vereinzelung tut weh und macht Angst. Möglichkeiten und Orte der Begegnung brechen weg und werfen uns auf uns selbst zurück. Wir spüren, dass uns eine vielleicht angewöhnte Gelassenheit diesmal nicht helfen wird. Obwohl wir aufgefordert sind, daheim zu bleiben, stellt sich doch zu-nehmend ein Gefühl von Heimatlosigkeit ein. Dieses Gefühl wird dann sehr real, wenn keine Gottesdienste mehr stattfinden können. Da hilft es nicht viel trotzig zu behaupten, Kirche sei mehr als ein Haus, denn gerade die christliche Religion schöpft ihre Kraft wesentlich aus dem Gemeinschaftsgefühl.

Solidarität und Hoffnung
Die Corona-Epidemie offenbart uns die ei-gene Verletzlichkeit. Wenn diese Erfahrung dann noch mit einem apokalyptischen Unter-ton unterlegt wird, kann uns dann schon mal der Koller befallen. Was kann uns vor diesem Versinken in Hoffnungslosigkeit, in Selbstmitleid bewahren? Wenn wir uns um-schauen und umhören gibt es Anzeichen – dem Frühling sein Dank -, dass sich das Leben eben doch nicht so einfach unterkriegen lässt. Nachbarschaftliche Solidarität gegen-über einzelnen Risikogruppen, Organisation von Kinderbetreuung in Zeiten geschlossener Schulen und eben: Standing Ovations auf den Balkonen der Schweiz für die Pflegenden und Ärzte, die mit einem unglaublichen Einsatz alles tun, um das Gesundheitswesen und die medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten.

Wir erleben derzeit so etwas wie eine Passion und haben deren tiefste Abgründe wahrscheinlich noch nicht erreicht. Auch Jesus, der Sohn Gottes, musste diesen Weg gehen, bevor er mit letzter Kraft sagen konnte:
„Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk 23,46).

Doch dieser Jesus hat uns auch die Botschaft der Hoffnung hinterlassen: Diese Hoffnung realisiert sich in der Feier der Auferstehung in der Osternacht. Wir werden diese Nacht dieses Jahr nicht wie üblich mit dem Osterfeuer feiern, sondern werden dieses Feuer des Lebens und der Mitmenschlichkeit umso stärker in unseren Herzen brennen lassen. Ich habe heute in der Zeitung ein Zitat von Max Frisch gelesen, das uns vielleicht hilft, dieses Feuer im Sinne Jesu weiterzugeben und aus der Situation etwas zu machen: «Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.»

Wir wünschen Ihnen und Ihren Familien viel Gesundheit und österliche Hoffnung. Um Abstand zu wahren, kann man auch mit ausgestreckten Armen Eiertütschen.

Versuchen Sie’s!

Hansjörg Frank
Kirchenpflegepräsident