Online Predigt vom 2. Sonntag nach Ostern 2020

Liebe Gemeinde,

zwei Wochen nach Ostern, das auch trotz der Corona-Krise stattgefunden hat ist doch wieder so etwas wie Alltag wieder da. Die Schüler und Schülerinnen gehen zur Schule zwar mit Fernunterricht, aber doch…, die Arbeit häuft sich auf den Schreibtischen auch im Homeoffice, und manche Probleme und nicht nur die der Pandemie, konnten immer noch nicht gelöst werden. Es ist fast so, als wenn das offene Grab des Auferstandenen mit aller Macht wieder zugeschaufelt würde mit unseren Themen. Und manche von uns erleben diese Tage wie eine dunkle Nacht, sie sind ausgezehrt, abgekämpft, verunsichert und suchen nach Halt.

Wo bleibt da die Osterfreude, ja, der Osterjubel? Ein Wort, das mich in diesen Tagen tief berührt und nicht loslässt, möchte ich heute mit Ihnen teilen. Es entstammt einer nachösterlichen Begegnung des Auferstandenen mit seinen Jüngern am See Genezareth, auch See Tiberias genannt. Dieser eine Satz ist nicht fettgedruckt und nicht als Segenswort bekannt. Er ist eigentlich mehr eine Orts- und Zeitangabe als ein Zuspruch, und doch entfaltet er das Evangelium pur: „Als es Morgen war, stand Jesus am Ufer.“ Als es Morgen war – offenbar folgt der Nacht ein Morgen. Und an diesem Morgen gibt es eine Orientierung, ein rettendes Ufer – Jesus Christus. Jesus bricht wie das Morgenlicht in unsere dunkelsten Nächte und zieht uns hinein in seine Gegenwart, an das rettende Ufer.

Johannes 21,1-14

Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da spricht der Jünger, den Jesus liebhatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch die Fische. Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.

Nachdem Jesus sich Maria Magdalena am offenen Grab, den Jüngern hinter verschlossenen Türen und dem zweifelnden Thomas eine Woche nach Ostern gezeigt hatte, berichtet der Evangelist Johannes von einer weiteren Jesus-Begegnung, diesmal etwas später in Galiläa. Ein Teil der Jünger ist offensichtlich nach Galiläa zurückgekehrt, warum, bleibt hier unklar. Ob sie auf eine Begegnung mit Jesus in Galiläa hofften? Ob sie einfach zurück zur Familie wollten? Jedenfalls begegnen uns die erwähnten sieben Osterzeugen so ganz und gar unösterlich, kein Jubel und kein Halleluja kommen von ihren Lippen. Stattdessen scheinen sie die Episode mit Jesus zu verdrängen. Petrus will fischen gehen, seinen alten Beruf aufnehmen, sein Brot verdienen. Und die anderen kommen mit. Statt, dass mit Karfreitag und Ostern alles anders wurde, sind sie im Alltag angekommen.

Ob ich nicht manchmal auch bei diesen sieben Jüngern bin? Eigentlich sollten mich die Begegnungen mit Jesus, seine Kraft und die Erfahrungen von Gebetserhörungen auch durch harte Zeiten tragen, doch so leicht erstirbt der Osterjubel, und ich mache weiter wie bisher, verbeisse mich in meine Pflichten und vergesse die Berufung, die Jesus mitgegeben hat.

Doch es kommt noch schlimmer. Das Netz bleibt leer. Der absolute Tiefpunkt ist erreicht. Es ist schwarze Nacht und kein Fisch geht ins Netz. Die Arbeit ist vergeblich, noch nicht mal der Alltag funktioniert mehr.

Die schwarze Nacht können wir alle mit unseren eigenen Geschichten füllen. Ob es die Erfolglosigkeit im Geschäft ist, der Beziehungswirrwarr im eigenen Herzen ist, es sind Tiberias-Erfahrungen – im Dunkeln auf einem See zu schippern und leere Netze mit sich zu ziehen.

„Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer.“

Wie lange stand Jesus schon da? War er auch während der schwarzen Nachtstunden da am Ufer? Ich bin überzeugt, dass der Auferstandene nicht nur alle Tage, sondern auch alle Nächte ein Auge auf uns hat. Er steht nicht erst am Ufer, wenn die Sonne aufgeht. Doch bei Licht zeichnet sich seine Silhouette ab, er wird wahrnehmbar. Er redet die Jünger an: „Habt ihr nichts zu essen?“ Mit dieser kleinen Frage deckt er ihr ganzes Elend auf. Nein, sie haben nichts zu essen, sie wissen nicht, wovon sie leben sollen. Sie, die von Jesus schon „Brot des Lebens“ bekommen haben, wunderbare Brot- und Fischspeisungen erlebt hatten (Johannes 6), haben in der österlichen Zeit kein Brot und keinen Fisch. Sie sind trotz Auferstehung wieder hungrig wie eh und je.

Sind es nur die Jünger, die sich nach Brot des Lebens sehnen, die von vollen Netzen träumen, von Sorglosigkeit und Frieden? Jesus fordert uns auch auf, ihm unsere Ohnmacht zu bekennen, die Leere zuzugeben, die Sehnsucht herauszuschreien. Wir müssen uns nicht als glückliche Ostereier verkleiden, sondern dürfen mit unseren Nachterfahrungen bei Jesus ankommen. Er hört uns zu, er wartet darauf, dass wir ehrlich sind. Und auch als Gemeinde können wir ehrlich sein. Es ist nicht einfach, für ihn Zeugnis zu geben, es ist nicht einfach, als Gemeinde nach seinem Vorbild beieinander zu bleiben, einander zu dienen, zu lieben, zu vergeben, immer wieder neu anzufangen, sich korrigieren zu lassen.

Doch nun wird Jesus aktiv, er fordert zum zweiten Versuch auf, das Netz soll wieder ausgeworfen werden – nach der Seite, die Jesus bestimmt. Jesus sagt zu: Ihr werdet finden! Der Unterschied zum ersten Auswerfen sticht ins Auge. Die Jünger starren nicht länger auf die Beute, sie denken nicht daran, was sie mit den Fischen alles anstellen können und sie vergleichen sich nicht mit anderen Fischerbooten auf dem See. Sie schauen auf Jesus am Ufer, er dirigiert die Szene. Der Lieblingsjünger erkennt das, er ruft: „Es ist der Herr!“ Jesus erweist sich als Herr durch seine teilnehmende Nähe, seine Ermutigung zum neuen Anfang und durch seine Autorität, die die Jünger tun lässt, was er sagt, obwohl Fischer eigentlich tagsüber keine Beute machen. Jesus sorgt für ein volles Netz. Petrus, der es nicht erwarten kann, zu Jesus zu kommen, schwimmt voraus und weist damit dem Boot den Weg zu Jesus. Zwar sind nur knapp 100m bis zum Ufer zu überwinden. Doch die würden schon reichen, um die Beute zu verlieren, zu verschachern oder mit dem Boot einen anderen Zielpunkt anzusteuern. Petrus ist Wegweiser, dass die Jünger zu Jesus kommen, dass die Fische bei ihm landen.

Ich frage mich, ob solch ein Petrusdienst nicht auch bei uns wichtig ist. Wir können unsere Freunde oft nur bis quasi 100m Entfernung zu Jesus bringen, wir können sie einladen, ihnen von der Bibel erzählen, sie bei Lebensthemen auf Gott stoßen, aber die letzten 100m sind ihre eigenen. Da können wir voraus schwimmen und einfach hoffen, dass sie nachkommen und Jesus selbst begegnen.

Was sie dann am Ufer erwartet, ist überwältigend. Der Auferstandene hat eine Mahlzeit für sie vorbereitet. Geröstetes Brot und gegrillter Fisch lassen ihnen das Wasser im Mund zusammen laufen. Das Kohlefeuer wärmt sie nach durchwachter Nacht und die Anwesenheit Jesu lässt sie wieder neu die Osterfreude erleben: Jesus sättigt sie doch. Sie müssen sich keine Sorgen machen. Während die Nacht schwarz war und die Netze leer blieben, stand er doch schon längst am Ufer, um sie zu empfangen, ihnen Gutes zu tun, sie zu sättigen. Und nicht genug damit, er braucht die Fische aus dem Netz gar nicht, nimmt sie aber trotzdem in Empfang.

Jesus braucht unsere Erfolge nicht, um uns zu sättigen. Er möchte uns einbeziehen in seine Mission. Er gibt uns Würde dabei zu sein, in seinen Auftrag hineinzuwachsen.

Vor einer Woche nahm ich an einer Bläserfreizeit teil. Wir hatten ein paar Profis als Lehrer und Gruppenleiter dabei. Die ganze Woche über übten sie mit uns für ein Abschlusskonzert. Wenn ich mein Spielen selbstkritisch anschaue: Ich hätte bei diesem Konzert nicht mitspielen müssen. Im Gegenteil, die Profis hätten sich wahrscheinlich allein sehr viel besser angehört. Doch ich war dabei, wurde würdig erachtet, bei schweren Stücken mitzutun, wurde mitgerissen von den viel besser Spielenden. Jesus nimmt uns mit auf seinem Fischfang. Er ruft zu sich ans Ufer, er sorgt für Fische in seinen Netzen. Er braucht uns dazu nicht, aber er will uns mit einbeziehen, wir dürfen an ihm und mit ihm wachsen.

Dass es genau 153 grosse Fische sind, daran liegt dem Evangelisten Johannes viel. Vielleicht stand diese Zahl damals für alle Nationen der Welt. So hätte der Fischzug symbolische Bedeutung. Die Jünger werden aufgefordert, Menschen aus allen Nationen die Gute Nachricht zu bringen. Und Jesus wird dafür sorgen, dass seine Nachfolgerinnen und Nachfolger beieinander bleiben, wie er es im Hohenpriesterlichen Gebet formulierte (Johannes 17). Das Netz wird nicht reissen, egal wie viele dazukommen.

Wir brauchen Jesus am Ufer, wir brauchen seine Stärkung. Oft kommen wir mit zu wenig Stärkung aus, das ist nicht gut. Lassen wir uns neu von ihm sättigen im Lesen der Bibel, im Gebet, im Gespräch mit Menschen, die uns im Glauben weiterhelfen können. Das Leben mit Jesus ist es wert, zu ihm an Land zu kommen.

Auch wenn manche Nacht noch dunkel ist, das Grab Jesu bleibt leer. Der Auferstandene steht am Ufer, es ist der Herr. Ich möchte Ihnen noch ein Gedicht / Lied von Pfarrer Johann Andreas Rothe mitgeben, der dies im Jahr 1727 geschrieben hat mit dem Titelt: „Da es Morgen war, stand Jesus am Ufer“. Das Ufer der Ewigkeit haben wir alle noch nicht erreicht. Wie gut, unseren Herrn am Ufer der neuen Welt zu wissen, der auf uns wartet und uns zum Mahl in seinem Reich einlädt.

1. Ich habe nun den Grund gefunden, Der meinen Anker ewig hält. Wo anders als in Jesu Wunden? Da lag er vor der Zeit der Welt, Der Grund, der unbeweglich steht, Wenn Erd‘ und Himmel untergeht.

2. Es ist das ewige Erbarmen, Das alles Denken übersteigt; Es sind die offnen Liebesarme Des, der sich zu dem Sünder neigt, Dem allemal das Herze bricht, Wir kommen oder kommen nicht.

3. Wir sollen nicht verloren werden, Gott will, uns soll geholfen sein; Deswegen kam der Sohn auf Erden Und nahm hernach den Himmel ein; Deswegen klopft er für und für So stark an unsre Herzenstür.

4. O Abgrund, welcher alle Sünden Durch Christi Tod verschlungen hat! Das heißt die Wunde recht verbinden, Da findet kein Verdammen statt, Weil Christi Blut beständig schreit: Barmherzigkeit! Barmherzigkeit!

5. Darein will ich mich gläubig senken, Dem will ich mich getrost vertraun Und, wenn mich meine Sünden kränken, Nur bald nach Gottes Herzen schaun; Da findet sich zu aller Zeit Unendliche Barmherzigkeit.

6. Wird alles andre weggerissen, Was Seel‘ und Leib erquicken kann, Darf ich von keinem Troste wissen Und scheine völlig ausgetan, Ist die Errettung noch so weit: Mir bleibet doch Barmherzigkeit.

7. Beginnt das Irdische zu drücken, Ja häuft sich Kummer und Verdruss, Dass ich mich noch in vielen Stücken Mit eitlen Dingen mühen muss, Darüber sich mein Geist zerstreut, So hoff‘ ich auf Barmherzigkeit.

8. Muss ich an meinen besten Werken, Darinnen ich gewandelt bin, Viel Unvollkommenheit bemerken, So fällt wohl alles Rühmen hin; Doch ist auch dieser Trost bereit: Ich hoffe auf Barmherzigkeit.

9. Es gehe mir nach dessen Willen, Bei dem so viel Erbarmen ist; Er wolle selbst mein Herze stillen, Damit es das nur nicht vergisst; So stehet es in Lieb‘ und Leid In, durch und auf Barmherzigkeit.

10. Bei diesem Grunde will ich bleiben, Solange mich die Erde trägt; Das will ich denken, tun und treiben, Solange sich ein Glied bewegt. So sing‘ ich einstens höchst erfreut: O Abgrund der Barmherzigkeit!