Online Predigt vom 5. Sonntag nach Ostern 2020

In jenen Tagen sagte Petrus, erfüllt vom Heiligen Geist: Ihr Führer des
Volkes und ihr Ältesten! Wenn wir heute wegen einer guten Tat an einem
kranken Menschen darüber vernommen werden, durch wen er geheilt
worden ist, so sollt ihr alle und das ganze Volk Israel wissen: im Namen
Jesu Christi, des Nazoräers, den ihr gekreuzigt habt und den Gott von
den Toten auferweckt hat. Durch ihn steht d ieser Mann gesund vor euch.
Er Jesus ist der Stein, der von euch Bauleuten verworfen wurde, der
aber zum Eckstein geworden ist. Und in keinem anderen ist das Heil zu
finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel
gegeben, durch den wir gere ttet werden sollen.
Lesung aus der Apostelgeschichte (Apg 4,8-12)

Der russische Dichter Leo Tolstoi hat der folgenden Geschichte die Überschrift gegeben: das Gott-Schauen In einem fernen Lande lebte einst ein König, den am Ende seines Lebens Schwermut befallen hatte. ”Schaut”, sprach er, ”ich habe in meinem Erdenwallen alles, was nur ein Sterblicher erleben und mit den Sinnen erfassen kann, erfahren, vernommen und geschaut. Nur etwas habe ich nicht schauen können in meinen ganzen Lebensjahren. Gott habe ich nicht gesehen. Ihn wünschte ich noch wahrzunehmen!” Der König befahl allen Machthabern, Weisen und Priestern, ihm Gott nahe zu bringen. Schwerste Strafen wurden ihnen angedroht, wenn sie das nicht vermöchten. Der König stellte eine Frist von drei Tagen. Trauer bemächtigte sich aller Bewohner des königlichen Palastes, und alle erwarteten ihr baldiges Ende. Genau nach Ablauf der dreitägigen Frist, um die Mittagsstunde, liess der König sie vor sich rufen. Der Mund der Machthaber, der Weisen und Priester blieb jedoch stumm, und der König war in seinem Zorne bereits bereit, das Todesurteil zu fällen. Da kam ein Hirte vom Felde, der des Königs Befehl vernommen hatte, und sprach: ”Gestatte mir, o König, dass ich deinen Wunsch erfülle.” ”Gut”, entgegnete der König, ”aber bedenke, dass es um deinen Kopf geht.”

Der Hirte führte den König auf einen freien Platz und wies auf die Sonne.
”Schau hin,“ sprach er.
Der König erhob sein Haupt und wollte in die Sonne blicken, aber der
Glanz blendete seine Augen, und er senkte den Kopf und schloss die
Augen.
”Willst du, dass ich mein Augenlicht verliere?” sprach er zu dem Hirten.
„Aber König, die Sonne ist doch nur ein Ding der Schöpfung, ein kleiner
Abglanz der Grösse Gottes, ein kleines Fünkchen seines strahlenden
Feuers. Wie willst du ihn mit deinen schwachen, tränenden Augen
schauen? Suche ihn mit anderen Augen.”
Der Einfall gefiel dem König, und er sprach zu dem Hirten: ”Ich erkenne
deinen Geist und sehe die Grösse deiner Seele. Beantworte mir nun
meine Frage: Was war vor Gott?”
Nach einigem Nachsinnen meinte der Hirt: ”Zürne mir nicht wegen
meiner Bitte, aber beginne zu zählen!”
Der König begann: ”Eins, zwei …” „Nein“, unterbrach ihn der Hirte, „nicht
so; beginne mit dem, was vor eins kommt.”
”Wie kann ich das? Vor eins gibt es doch nichts.”
”Sehr weise gesprochen, o Herr. Auch vor Gott gibt es nichts.”
Diese Antwort gefiel dem König noch weit besser als die vorhergehende.
”Ich werde dich reich beschenken; vorher aber beantworte mir noch eine
dritte Frage: Was macht Gott?”
Der Hirte bemerkte, dass das Herz des Königs
weich geworden war. ”Gut”, antwortete er,
”auch diese Frage kann ich beantworten. Nur
um eines bitte ich dich: Lass uns für ein
Weilchen die Kleider wechseln.”
Und der König legte die Zeichen seiner
Königswürde ab, kleidete damit den Hirten, und
sich selbst zog er den unscheinbaren Rock an
und hängte sich die Hirtentasche um. Der Hirte
setzte sich nun auf den Thron, ergriff das
Zepter und wies damit auf den an den
Thronstufen mit seiner Hirtentasche stehenden

König:
”Siehst du, das macht Gott: Die seinen erhebt er auf den Thron, und die anderen heisst er heruntersteigen!” Und daraufhin zog der Hirt wieder seine eigene Kleidung an. Der König aber stand ganz versonnen da. Das letzte Wort dieses schlichten Hirten brannte in seiner Seele. Und plötzlich erkannte er sich, und unter dem sichtbaren Zeichen der Freude sprach er: ”Jetzt schaue ich Gott!”

Es bedurfte nur eines einfachen, mit der Wirklichkeit vertrauten, von der Sorge für seine Herde erfüllten Menschen und es ging auch bei dem König mehr als er dachte.

«Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen. » Das war der letzte Satz in der Rede des Petrus die am Anfang gestanden hat. Jesus hilft uns Gott zu schauen, denn im Johannesevangelium (das war das Thema vor ein paar Sonntagen) sagt er zu seinen Zuhörern: „Ich bin der gute Hirt; ich kenne die meinen und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne.“ Im gleichen Atemzug sagt er: „und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.“

«Guter Hirte» -Deckenfresco in der Priscilla-Katakombe in Rom

Nicht ums Regieren geht es ihm, sondern um die Hingabe des Lebens für die ihm vom Vater anvertrauten Menschen. Und deshalb sagt er an einer anderen Stelle: „Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe…“ Weil er so liebt, deshalb ist er jetzt ganz oben, hat ihn der Vater erhöht, und das feiern wir letztlich dann am Fest „Christi Himmelfahrt“. Wie sagte doch der Hirt zum König: „Siehst du, das macht Gott: Die

Seinen erhebt er auf den Thron, und die anderen heisst er heruntersteigen!”

Durch Jesus, durch sein Leben und seine Erniedrigung, seine Auferstehung und Erhöhung beim Vater schaue ich mit den Augen des Glaubens Gott. So hilft uns Jesus Gott zu schauen. Und der Herr braucht Menschen, die so wie er die Sorge Gottes für die Menschen und die Welt unterstützen. „Geht das: ganz für Gott zu leben, die Karte allein auf ihn zu setzen, mich ihm zu verschreiben mit Leib und Seele, mit Haut und Haaren?“ Das fragte einmal ein Jugendlicher, der bei mir im Firmunterricht war; damit schnitt er die zentralen Fragen an, die junge und auch ältere Menschen beschäftigen. Wie oft sind wir doch unsicher, welchen Weg wir einschlagen sollen, welchen Beruf wir ergreifen, ob wir uns an einen anderen Menschen binden sollen im Sakrament der Ehe. Und wir haben allen Grund zu fragen: „Geht das?“

Es geht mehr als wir denken, wenn wir in enger Freundschaft mit Jesus leben, ihn und seine Art kennen lernen. Dann werden wir erfahren, dass ER uns liebend anschaut und zu uns sagt: „Du fragst, wird es gehen? Es geht mehr als du denkst, wenn du vom Thron des Herrschen- und alles selber Schaffen-Wollens heruntersteigst. Wenn du wie unter den Menschen bist, wie einer, der dient.»

Jesus sagt uns: Denk immer daran, als guter Hirt, als gute Hirtin musst du wie ich das Leben hingeben für die dir anvertrauten Menschen. Du darfst nicht dich selber pflegen. Deine ganze Energie, dein ganzer Einsatz soll vielmehr den dir begegnenden und anvertrauten Menschen gelten.

Und so hat Petrus das in seiner Rede formuliert: «Er – Jesus – ist der Stein, der von euch Bauleuten verworfen wurde, der aber zum Eckstein geworden ist. Und in keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen. »