Online Predigt zum 5. Sonntag nach Pfingsten

Durchbuchstabieren Predigt zu Eph 4,30-5,2

Im liturgischen Kalender steht für den Sonntag folgende Lesung aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus:

Eph 4, 30 – 5,2
30 Beleidigt nicht den Heiligen Geist Gottes, dessen Siegel ihr tragt für den Tag der Erlösung. 31 Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung und alles Böse verbannt aus eurer Mitte! 32 Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat.
1 Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder, 2 und liebt einander, weil auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt.

Norbert Lohfink

In den 80er Jahren, also in meiner Studienzeit, erschien ein viel beachtetes theologisches Werk, das den Titel trug: „Unsere grossen Wörter“. Der Alttestamentler Norbert Lohfink (Bild) versuchte in diesem Buch, grosse Begriffe unseres Glaubens auf dem biblischen Hintergrund zu durchleuchten. Begriffe wie „Heilsgeschichte“, „Befreiung“, „Gottesvolk“, „Liebe“, „Charisma“ wurden im wahrsten Sinn des Wortes durchbuchstabiert. Das Buch wurde zu einem theologischen Bestseller. Man sieht: Selbst gelehrte Theologen hungern danach, dass theologische Begriffe mit Fleisch gefüllt und ins Alltagsleben heruntergebrochen werden; dass die grossen Wörter nicht nur blasse Theorie bleiben, sondern konkret und lebenstauglich werden. Das scheint mir schon der Autor des Epheserbriefes gespürt zu haben. In dem kurzen Abschnitt, der zu Anfang steht. Hier finden wir sie zuhauf, die grossen Wörter: Tag der Erlösung, Liebe, Hingabe, Vergebung, Opfer und Gabe. Aber vor einem hütet sich der Verfasser: Er fängt nicht an, lange Abhandlungen über diese grossen Wörter zu schreiben, sie hin-und herzuwälzen. Er will nicht durch gelehrte Definitionen glänzen und lässt sich auch nicht in theologische Dispute ein. Er erklärt nicht die Begriffe, sondern sagt: Macht’s –dann wisst ihr selbst, was es bedeutet!

Er erklärt nicht, was es heisst „Gott hat euch durch Christus vergeben“, sondern er sagt: „Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung und alles Böse verbannt aus eurer Mitte. Seid gütig zueinander, seid barmherzig! Vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat. „Und er erklärt auch nicht, was es heisst: „Christus hat sich für uns hingegeben“, sondern sagt: «Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder und liebt einander, weil auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat.» In einer Zeit, in der die grossen Wörter des Christentums für viele zu frommen Worthülsen geworden sind, scheint mir die Weisheit des Epheserbriefes eine gute Handlungsanweisung zu sein. Und der Epheserbrief steht damit nicht allein. Schon von Konfuzius wird der Satz überliefert: «Erkläre es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es verstehen.» Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Katechismus der Zukunft nach diesem Grundsatz aufgebaut ist. Keine Glaubensformeln: Vergebung heisst das und das, sondern Geschichten von Menschen zu erzählen, die es in schwierigen Lebenssituationen fertiggebracht haben, Vergebung zu leben. Nicht einfach zu behaupten: Christus hat sich für uns geopfert. Sondern konkrete Beispiele zu erzählen, wo Menschen aus ihrem Glauben heraus grosse Opfer bringen konnten.

Nicht „Erlösung“ zu definieren, sondern von Menschen zu erzählen, die nach einer schweren Krise sich wie erlöst fühlen, die nach der Lösung eines schweren Problems wieder frei durchatmen können. Kurz: Nicht Theologie erklären, sondern aus dem Leben der Menschen Theologie ablesen. Eine beliebte Methode für Schulgottesdienste oder bei

Geburtstagsgratulationen ist es, die Buchstaben eines Begriffes oder des Namens des Geburtstagskindes auf grosse Plakate zu schreiben – und dann zu jedem Buchstaben ein Wort zu finden, das den Begriff oder die Person plastisch vor Augen führt. EMIL hat Geburtstag. Da steht ein Freund auf und hält ihm seinen Namen vor Augen: Das bist du: E wie einzigartig; M wie müde; I wie intelligent; und L wie lässig. Und schon wird ein Allerwelts-Emil zu einem Emil mit Profil. Der Autor des Epheserbriefes macht heute etwas Ähnliches.

Fürbitten (nach CG51.1, statt CG 51.2)

Herr, unser Gott, höre du unsere Bitten:

– Für alle, die in Gesellschaft und Kirche Gesetze und Verordnungen ausarbeiten und für ihr Einhalten Sorge tragen

– Für alle Erzieherinnen und Lehrer, die Kinder durch praktisches Tun zu wichtigen Erkenntnissen führen möchten

– Für alle, die von Berufs wegen das Evangelium verkündigen und sich immer fragen, ob ihre Worte Bedeutung fürs Leben haben und durch ihr eigenes Leben abgedeckt sind

– Um Einsicht für alle, die überzeugt sind, dass ihre Ansichten die richtigen sind und die sie mit Gewalt durchsetzen möchten

– Um Zufriedenheit für alle, die entsprechend ihrer Überzeugung leben, auch wenn sie angefochten werden

Abschliessendes Gebet CG51.3 «In der Terz»
Danach CG 51.4