Das Rheinfelder Fastentuch

Bericht über einen Zufallsfund

Fastentücher wollen verhüllen

In der Fastenzeit, also jeweils von Aschermittwoch bis Karfreitag, ist in der Christkatholischen Stadtkirche St. Martin in Rheinfelden eine kulturgeschichtliche Besonderheit zu sehen. Am grossen Renaissance-Hochaltar, ganz im vordersten Osten des Chorraums, hängt ein grosses bemaltes Tuch und verdeckt dort eines der Altarbilder. Was hat es mit diesem Tuch auf sich?

Fastentücher wollen verhüllen

Ein heute nur noch selten anzutreffender, im Mittelalter aber vielerorts geübter Brauch besteht darin, in der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern in der Kirche ein Fasten- oder Hungertuch aufzuziehen. Der Zweck dieser oft grossformatigen Textilien bestand darin, bestimmte Gegenstände der gottesdienstlichen Feier oder ganze Bereiche des Kirchenraums zu verhüllen und den Blicken der Gläubigen zu entziehen.

Fastentücher wollen Geschichten erzählen

Zu dieser verhüllenden Funktion der Fastentücher gesellte sich im Laufe der Zeit eine weitere, die mit ersterer im Widerspruch zu stehen scheint: Die Fastentücher wurden mehr und mehr mit bunten Darstellungen bemalt. Sie zeigten alt- und neutestamentliche Themen, Heiligenlegenden, heilsgeschichtliche Personen, Tugenden und Allegorien.

Die Entwicklung hin zu reich bemalten Tüchern bediente einerseits das Schaubedürfnis der Gottesdienstbesucher, andererseits dem didaktischen Anliegen, den Blick der Gemeinde auf die biblischen Geschichten zu lenken und die Predigt optisch zu untermalen. Da die Mehrheit der damaligen Menschen weder lesen noch schreiben konnte, können Fastentücher auch als eine Art Armenbibel bezeichnet werden.

Ein Fund mit Folgen

Das Rheinfelder Fastentuch wurde 1977 zufällig im Rahmen einer Übung des Kulturgüterschutzes gefunden. Zwischen der Rückwand des Altars und einem dahinter stehenden Schrank fand der Rheinfelder Restaurator Bruno Häusel, auf die Altarwand aufgenagelt, ein grosses Stück Stoff in verblichener blaugrauer Farbe. Das Rheinfelder Fastentuch war entdeckt.

Diese Fundumstände allein zeigen schon, dass das Rheinfelder Fastentuch ursprünglich zu diesem Hochaltar dazugehört. Es misst in der Breite 253 cm und in der Höhe 306 cm. Diese Masse stimmen genau überein mit jenen des Altarblatts des Hochaltars, vor dem es in der Fastenzeit seinen liturgisch angestammten Platz hat.

Das Mittelbild des Fastentuchs

Der Hochaltar ist dem heiligen Martin geweiht und wurde 1607 in der Kirche aufgestellt. Entsprechend ist davon auszugehen, dass das dazugehörige Fastentuch in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts hergestellt wurde. Dominierend in der Mittelachse steht vor dem leeren Kreuz die Gottesmutter. Sie hält den erschlafften Körper ihres toten Sohnes unter den Achseln. Mit einknickenden Knien scheint er ihr gleichsam zu entgleiten. Das am Gewandsaum Mariens sichtbare Grab deutet schon auf die Grablegung hin. Flankiert werden der tote Jesus und seine Mutter von zwei kerzentragenden Engeln.

Das Bildfeld wird von einem malerisch ausgeführten profilierten Rand eingefasst. Darauf folgt der etwa einen halben Meter breite Rahmen, auf dem die sogenannten Leidenswerkzeuge Christi versammelt sind.

Die Arma Christi

Dieser Rahmen mit den dargestellten Leidenswerkzeugen rund um ein Mittelbild zeigt uns den ikonographischen Typ dieses Fastentuchs: Es gehört zum seltenen sogenannten Arma-Christi-Typ. Mit dem Begriff Arma Christi sind dabei nicht nur die Werkzeuge gemeint, mit denen die Menschen Christus Leid zugefügt und ihn gekreuzigt haben, sondern vor allem jene Waffen, mit denen Christus den Tod besiegt und das ewige Leben errungen hat.

Die Verehrung der Arma Christi lässt sich bis ins 4. Jahrhundert zurückverfolgen, als Kaiserin Helena von ihrer Palästinafahrt Andenken an die Leidensstationen Christi nach Rom mitbrachte. Bis ins Mittelalter hinein wurden die Leidenswerkzeuge in erster Linie als Hoheitszeichen und Majestätssymbole Christi verstanden. Seit dem 13. Jahrhundert aber stellt eine tiefgehende Passionsmystik die Arma Christi in einen neuen Zusammenhang.

Die Leidenswerkzeuge werden immer mehr als Zeichen des Leidens Christi verstanden und in der Christusnachfolge meditiert. Stellvertretend stehen die Waffen Christi für seine durchlittenen Qualen, die der Gläubige intensiv nachzuerleben versucht.

Die mittelalterliche Arma-Verehrung erschöpfte sich jedoch nicht in der Betrachtung objektiv gerade noch fassbarer Reliquien, sie wandte sich vielmehr auch scheinbar nebensächlichen Gegenständen zu wie dem Strick, mit dem Christus zur Kreuzigung geführt wurde, der Laterne, die den Häschern den Weg zu Christus wies, den dreissig Silberlingen sowie etwa sechzig weiteren Leidenswerkzeugen.

Von seinem Charakter her ist das Arma-Christi-Motiv nicht belehrend, sondern möchte zur meditativen Versenkung anregen. In der Fasten- oder Passionszeit aufgezogen, dient es nicht der Unterweisung, sondern verweist den Betrachter auf den Kernpunkt der kirchenjahreszeitlichen Kontemplation.

Das Rheinfelder Fastentuch und seine heutige Verwendung

1995 wurde das Rheinfelder Fastentuch wieder seiner ursprünglichen Verwendung zugeführt: Jeweils am Aschermittwoch wird es vor das grosse Altarblatt des Hochaltars eingehängt, wo es bis kurz vor Ostern die Weihnachtsdarstellung verdeckt.

Ein Fastentuch der seltenen Art aus dem frühen 17. Jahrhundert zu besitzen und regelmässig liturgisch zu verwenden ist für die Christkatholische Kirchgemeinde Rheinfelden-Kaiseraugst eine Freude und eine Bereicherung.

Kirchgemeinden, welche über besondere historische Textilien für den liturgischen Gebrauch verfügen, verwenden diese heute in der Regel nicht mehr, sondern stellen sie allenfalls in einer Vitrine als Museumsstücke dem Publikum zur Schau. Dass barocke Textilien heute noch regelmässig für die Feier der Gottesdienste verwendet werden, scheint mir einzigartig und ist eine Besonderheit der Christkatholischen Stadtkirche Rheinfelden.

Peter Grüter