«Die Liebe geht zu Fuss»

Kurt Marti: Ausstellung zum 100. Geburtstag

Wenn man zu einem Gemeindepfarrer sagt, er sei ein christlicher Humorist, ein Theopoet oder Aktivist, einer, der unverhohlen deutliche Zeit- und Theologiekritik betreibt, den Finger auf die Wunden der Zeit legt, mag dies stutzig machen. Solch ein Pfarrer will so gar nicht zum traditionellen Bild eines Theologen passen. Kurt Marti war seit 1948 Pfarrer und von 1961 bis 1983 Pfarrer an der Nydeggkirche in Bern. Viele Theologen kamen nach Bern zum Studieren, weil sie Kurt Martis Predigten erleben wollten. Er redete vielen aus dem Herzen, wehrte sich aber entschieden dagegen, als christlicher Dichter vereinnahmt zu werden, wie sich Klara Obermüller erinnert.

Fragen altern rasch

Kurt Marti gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts. Er erneuerte auch die Mundartliteratur dank dem Erfolg seiner Gedichte «ir bärner umgangschprach». Er stellte unbequeme Fragen und stellte sie immer wieder, denn er wusste: «Fragen bleiben jung, Antworten altern rasch». Einige seiner Texte sind vertont worden und finden sich im evangelisch-reformierten, römisch-katholischen und christkatholischen Gesangbuch, wie etwa das ökologische Kirchenlied «Rad des Lebens». Anlässlich seines 100. Geburtstags zeigt das Museum Strauhof in Zürich eine Ausstellung zu diesem bis heute prägenden Schriftsteller und Pfarrer. Martis Texte begleiten viele Menschen, wie etwa Peter Bichsel: «Beim Wieder- und Wiederlesen und Wiederlesen von Martis ‘Leichenreden’ – sie haben mich ein Leben, ein halbes Leben lang begleitet – sind sie mir mehr und mehr zur Sprache an und für sich geworden, zum unbestechlichen ‘Es steht geschrieben’».

Die Sprache beim Wort genommen

Allein die Titel seiner zahlreichen Veröffentlichungen lesen sie sich wie Gedichte. So etwa «Gott befragen», «Heilige Vergänglichkeit», «Tal des Schweigens», «Geduld und Revolte», «Ein Topf voll Zeit», «Gott gerneklein», «Ungrund Liebe», «Die Liebe geht zu Fuss», «Die gesellige Gottheit», «Bundesgenosse Gott» oder «Der Cherubinische Velofahrer und andere Belustigungen.» Er klopft die Sprache auf Unebenheiten und Unstimmigkeiten ab und hält uns einen Spiegel vor, wenn er etwa zu bedenken gibt: «Vermutlich ist die Herrschaft Gottes, wie Jesus sie verkündet hat, mehr Frauschaft, als wir bisher denken wollten». Bei manchen Texten weiss man nicht, ob sie ernst gemeint waren oder ob da einer bloss Schabernack mit uns treibt. Mit einem Augenzwinkern klopft er uns auf die Schulter: «Das Leben ist ja sonst so furchtbar ernst, auch das Leben in den Kirchen, wo höchstens unbeabsichtigter, unfreiwilliger Humor vorkommt».

Verweigerung der Professur als Auszeichnung

Ein Teil der Ausstellung widmet sich dem Schaffen Martis als Dichter. Es wird mit den Themen Engagement, Erotik, Endlichkeit auch die Arbeitsweise von Kurt Marti an Schriftdokumenten gezeigt, die erst nach seinem Tod im Nachlass entdeckt wurden. Ein 140-seitiges Typoskript belegt, dass er ein grosser Leser und ein akribischer Sammler von Wörtern war. Hunderte von Worten mit Autorenangaben schreibt er auf. Auch der christkatholische Ernst Gaugler (1891 – 1963), Pfarrer im Wegenstettertal und dann Professor an der Universität Bern, lässt sich in den Aufzeichnungen entdecken: «Der begriffene Gott ist immer ein Surrogat oder ein Götze». Marti zitiert ihn in seinen «Leichenreden» und stellt ihn einem eigenen Gedicht gegenüber: «Sie war eine schwer geprüfte Frau, wer hat sie so schwer geprüft?»

Kurt Marti dachte, schrieb und handelte politisch immer links bis linksliberal. Er war entschieden gegen den Vietnamkrieg, gegen Atomwaffen und Atomenergie, warnte vor der Zerstörung der Alpen. Er war vielen Konservativen fast ein Kommunist oder zumindest ein christlicher Marxist. Nicht von ungefähr verweigerte ihm 1972 der Regierungsrat des Kantons Bern den theologischen Lehrstuhl für Predigtlehre an seiner Heimatuniversität Bern, obwohl er zur Wahl vorgeschlagen war. Marti sah darin eine Auszeichnung und die ihm 1977 verliehene Ehrendoktorwürde als kleine Rache.

Karl Barth: «Durch das Historische hindurch»

In seinem theologischen Denken war er Zeit seines Lebens ein Schüler von Karl Barth (1886 –1968). Die klare und deutliche Sprache in den Vorlesungen, der direkte Zugang zu den Menschen, wie in den Gefängnispredigten, sprachen an. Es war auch dessen neue Art die Bibel zu lesen – frei von den bisherigen Vorgaben -, die Kurt Marti in seinem Umgang mit der Bibel beeinflusste. Karl Barths Zugang zur Heiligen Schrift widerspiegelt sich in den Bibelauslegungen von Kurt Marti wie ein roter Faden: «Durch das Historische hindurch zu sehen in den Geist der Bibel, der der ewige Geist ist. Was einmal ernst gewesen ist, das ist es auch heute noch und was heute ernst ist und nicht bloss Zufall und Schrulle, das steht auch in unmittelbarem Zusammenhang mit dem, was einst ernst gewesen ist» (Karl Barth, Römerbrief, 1918). Kurt Martis Sprache war, viel mehr als die von Karl Barth, experimentell, sagt der Schriftsteller Peter Bichsel, «es geht ihm nicht darum, schöne, rührende Geschichten zu erzählen, wenn es auch der Leser durchaus so verstehen kann. An der Sprache versucht er die Dinge des Lebens zu messen – die Dinge werden zum Wort».

Gedankenspiel im Greisenheim

Die «gesellige, eheliche Liebe» mit seiner geliebten Frau Hanni war schon zehn Jahre zuvor zu Ende gegangen, als sie 2007 verstarb. Im Altenheim fehlte sie ihm sehr und er sagte: «Ich lebe in meinem Pflegeheim-Zimmer perspektivlos dahin und bin zur Einsicht gekommen, dass der Apostel Paulus irrt, wenn er schreibt, der Tod sei der letzte Feind, der besiegt werden müsse. Hier unter uns Greisen und Greisinnen ist der Tod im Gegenteil der letzte Freund, der sich unser erbarmen wird. Wo kämen wir hin, wenn nicht mehr gestorben würde? Der Schöpfer hat wohlweislich alles Leben sterblich geschaffen. Insofern ist auch die paulinische Behauptung falsch, der Tod sei der Sünde Sold. Nein, Sterben gehört zum Leben, zur göttlichen Schöpfung und deren Selbsterneuerung. Und mit dem Leben beendet der Tod auch das Sterben.

Gedankenspiel im Greisenheim (9. August 2009)».

In der Ausstellung erinnern Texte, Lebenszeugnisse von Freunden, Ton- und Filmdokumente, Notizen, sowie bisher unveröffentlichte Aufzeichnungen an den «Grossmeister der kleinen Form», wie der evangelisch-protestantische Seelsorger auch genannt wurde, der 2017 im Alter von 96 Jahren in Bern verstorben ist – heimgekehrt in «Gottes gesellige Liebe».

Niklas Raggenbass (Text und Fotos)


Gedicht von Kurt Marti an der Mauer des Strauhofs, ZH.

Kurt Marti

VER
MEER
UNG
Eros. Engagement.
Endlichkeit
27.8. – 21.11.21

Ausstellung im Strauhof Zürich
gleich hinter der christkatholischen Augustinerkirche, Augustinergasse 9, in der Nähe des Paradeplatzes

+41 44 221 93 51, info@strauhof.ch
Der Strauhof ist ein Museum ohne Sammlung, in dem Literatur vielfältig vermittelt und ausgestellt wird.

Wie von Gott reden?

Das Kreuz

Und das Kreuz?
Symbol der Grausamkeit,
widergöttlich, gegenmenschlich.

Solange auf Erden
gefoltert, getötet wird,
erinnern Kreuze und Kruzifixe
an die unendlichen Leiden
Verfolgter, Gequälter, Getöteter,
ruft der Gekreuzigte auf
zum Kreuzzug gegen das Morden.

Jedes Kreuz: ein Seufzer
nach Seinem Reich,
wo’s keine Kreuze mehr gibt.

Kurt Marti

Martis Sorge um die Schöpfung war eine seiner dringendsten Anliegen: Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung waren die drei Pfeiler, an denen er das «Engagement Gottes» verortet sah. (nr)