«Von guten Mächten wunderbar geborgen»

Dietrich Bonhoeffer: Pfarrer, Widerstandskämpfer, Märtyrer

Der Zweite Weltkrieg stellte Recht und Unrecht vollständig auf den Kopf. War es noch möglich mit all den Schrecken des Krieges umzugehen? Es war «Karfreitag im unausdenklichen Leid» zu spüren, wie der christkatholische Professor der Universität Bern Ernst Gaugler in seiner Predigt zum Karfreitag am 23. April 1943 in Bern sagte: «Es mochte scheinen, dass wir nie besser hätten Karfreitag feiern können als heute, da in einem übertragenen Sinn von jeder Stunde gilt, was im Text von den drei letzten drei Stunden Jesu gesagt wird: ‘Es ward Finsternis über das ganze Land’. Und tatsächlich, wenn der Karfreitag nur ein Symbol wäre für das entsetzlichste Leiden, für die äusserste Möglichkeit menschlicher Marter überhaupt, dann brauchte man uns heute nicht mehr zu erklären, was Karfreitag heisst».

«Dem Rad selbst in die Speichen fallen»

Auch der Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), der sein ganzes Leben lang um den Glauben und um Gott gerungen hat, übernahm die Sicht von Gaugler, der eine Perspektive vom Kreuz her entwarf. Gaugler und Bonhoeffer waren beide vom Schweizer Theologen Karl Barth beeinflusst. Dieser verfocht eine Glaubenshaltung, die auf den modernen Menschen gerichtet und deren Ziel eine neue Weltlichkeit ist: Christinnen und Christen wenden sich mutig und offen dieser Welt zu. Sie tun es, auch wenn sie vielleicht keiner Religion angehören und nicht an Gott glauben. Wenn jemand mit dem Leben bedroht wird, fragt Bonhoeffer, hat man da noch Zeit, sich auf die grossen Prinzipien und ein reines Gewissen zurückziehen? Wenn etwa ein schwarzer Mercedes der Gestapo mit seinen Speichenfelgen über das Trottoir fährt, allein mit dem Ziel, Menschen zu Tode zu bringen. Man muss sich bücken und den Verwundeten helfen, ja. Man muss aber auch «dem Rad selbst in die Speichen fallen». Man muss den Mörder selbst hart anfassen und wenn es dessen Tod zur Folge hätte. Einer Zerstörung der Grundordnungen des Lebens ist entschieden Einhalt zu gebieten, sagt Bonhoeffer: «Wenn Hitler nur mit Gewalt und Attentat, die im Sinne des christlichen Glaubens immer mit Schuld verbunden sind, zu stoppen ist, dann muss das um der Opfer willen getan werden, auch wenn man sich selbst damit Schuld auflädt. So oder so wird der Mensch schuldig und so oder so kann er allein von der göttlichen Gnade und Vergebung leben».

Weihnachtsbrief kurz vor der Hinrichtung

In vielen Gottesdiensten wird zum Jahreswechsel oder zu ökumenischen Anlässen gern ein Lied gesungen, dessen Text von Dietrich Bonhoeffer stammt: «Von guten Mächten treu und still umgeben». Es war ein Weihnachtsgruss und Teil des letzten persönlichen Briefes an seine Verlobte Maria von Wedemeyer und seine Familie, den Bonhoeffer am 19. Dezember 1944 kurz vor seiner Hinrichtung schrieb. Er befand sich zu diesem Zeitpunkt im Gestapo-Keller in der Prinz-Albrecht-Strasse in Berlin. Als Mitglied der «Bekennenden Kirche», die sich nicht von Hitler vereinnahmen lassen wollte und als Theologe, der kein Blatt vor den Mund nahm, hielt man ihn für staatsgefährdend. Seit dem 5. April 1943 war Bonhoeffer wegen «Wehrkraftzersetzung» in Haft. Die 20-jährige Maria von Wedemeyer und der 18 Jahre ältere Dietrich Bonhoeffer hatten sich drei Monate zuvor verlobt. Bonhoeffer war gefoltert und isoliert worden. Er musste mit der Hinrichtung rechnen. In einer seiner letzten Besprechungen im Führerhauptquartier im zerbombten Berlin ordnete Hitler am 5. April 1945 an, dass die Hauptverschwörer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, die ein Attentat gegen ihn geplant hatten, nicht überleben sollten. Bonhoeffer wurde zu ihnen gerechnet.

Am 7. April hielt Bonhoeffer auf Wunsch der Mithäftlinge eine Morgenandacht, dann wurde er von der Gruppe getrennt und ins Konzentrationslager Flossenbürg gebracht. Am 8. April 1945 wurde ihm und einigen seiner Mitangeklagten ein Scheinprozess gemacht. Es gab weder Verteidiger noch Zeugen, schriftliche Aufzeichnungen dazu existieren nicht. Er wurde zu Tode verurteilt. Am 9. April 1945 wurde er nur drei Wochen vor Kriegsende zusammen mit den Mitverschwörern durch Erhängen ermordet und anschliessend verbrannt. Kurz vor der Hinrichtung konnte Bonhoeffer einem Mitgefangenen, dem englischen Offizier Payne Best, noch eine Nachricht an den befreundeten anglikanischen Bischof George Bell mitgeben: «Sagen Sie ihm, dass dies für mich das Ende, aber auch der Anfang ist».

Keine handliche Religion und Frömmigkeit

Es entstanden zu Bonhoeffers Weihnachtsgedicht immer neue Melodien, so zahlreich wie für keinen anderen geistlichen Text des 20. Jahrhunderts. Aus den inzwischen über siebzig Vertonungen, wird meist die musikalisch schwungvolle von Siegfried Fietz aus dem Jahr 1970 gewählt. Auch wir in Hellikon haben sie in unserem Gottesdienst gesungen, verteilt auf Blättern, da das Lied mit dieser Melodie nicht im Christkatholischen Gebet und Gesangbuch steht. An unserem Stammtisch nach dem Gottesdienst wurde engagiert darüber diskutiert, ob die Melodie zu dem Text passe oder nicht. Wir wollen weiter unser Augenmerk auf einige Aspekte des Lebens von Dietrich Bonhoeffer und seiner Zeit richten, um das Gedicht besser verstehen zu können.

Berner Professoren in Sorge

Eine Gruppe von elf Professoren der Universität Bern, darunter auch der Christkatholik Ernst Gaugler, hielt im Wintersemester 1940/41 eine Vorlesungsreihe «Mensch und Gottheit in den Religionen» und suchten auf die Not der Zeit eine Antwort. Sie fragten sich, ob es denn überhaupt noch eine Religion und einen Gott braucht. Sie wollten dem gottähnlichen Führer des «Dritten Reiches», der unter dem Zeichen des Hakenkreuzes Sieg und Heil versprach, Paroli bieten. «Reden über Religion greifen an das Innerste eines Jeden», war der Rektor Walter Frey überzeugt und er wollte Hoffnung zusprechen: «In diesen Zeiten des Kampfes und der Vernichtung regt sich in den Menschen erneut und verstärkt die Sehnsucht nach dem ewig Gültigen. Der Mensch sucht Kraft im Gedanken an metaphysische Mächte; er sucht das Göttliche». Bonhoeffer hat mit einer falschen Gottesvorstellung aufgeräumt und den Blick freigemacht für den Gott der Bibel; umgekehrt erscheinen die Verhältnisse aus dieser biblischen Perspektive in ihrer ganzen Banalität und Gottferne, die «nicht irgendwie verdeckt, sondern vielmehr gerade aufgedeckt» werden.

«Ich kam zum ersten Mal zur Bibel»

Als Wissenschaftler, Lehrer und Seelsorger rang Bonhoeffer um neue Orientierungspunkte. Er wollte Antworten geben können, wenn man im Leben steckenbleibt. Bonhoeffer war sich sicher, erst etwas bei sich selbst ändern zu müssen. Bonhoeffer sagte seiner Freundin Elisabeth Zinn, er habe sich voller Ehrgeiz in unchristlicher und undemütiger Weise in seine Arbeit geworfen, bis er dadurch in existenzielle Bedrängnis kam. «Das war schlimm», schrieb er, «dann kam etwas anderes, was mein Leben verändert hat. Ich kam zum ersten Mal zur Bibel». 1932, an einer ökumenischen Tagung im schweizerischen Gland im Kanton Waadt, legte Bonhoeffer dar, wie wichtig ihm das Nachdenken über die Heilige Schrift und die Orientierung an ihr geworden sei. Die Zuhörenden dachten zunächst, sie hätten ihn nicht recht verstanden. Er legte dar, dass man mit der Bibel falsch umgehe, sie nur zur Bestätigung des eigenen Verhaltens missbrauche, anstatt sich durch sie in Frage stellen zu lassen: «Ist es nicht in allem, was wir bisher geredet haben, immer wieder erschreckend deutlich geworden, dass wir der Bibel nicht gehorsam sind? Wir haben unsere eigenen Gedanken lieber als die Gedanken der Bibel. Wir lesen die Bibel nicht mehr ernst, wir lesen sie nicht mehr gegen uns, sondern nur noch für uns».

«Wende des Theologen zum Christen»

Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland kündigte er seine Stelle in Berlin und wurde Auslandpfarrer in London (1933-1935). Nicht alle seine Freunde und Weggefährten der «Bekennenden Kirche» hatten Verständnis, dass er sich aus den kirchlichen Spannungen in seiner Heimat in die «Stille eines Pfarramtes» zurückzog. Karl Barth beteiligte sich von Bonn aus an den Auseinandersetzungen innerhalb der Kirche in Deutschland. Er reagiere sehr heftig auf die Anstellung in London und schrieb Bonhoeffer: «Ich kann Ihnen nichts Anderes zurufen als: Schleunigst zurück auf ihren Berliner Posten! Was heisst ‘Stille eines Pfarrhauses’ in einem Augenblick, wo Sie in Deutschland einfach gefordert sind? Sie, der Sie so genau wissen wie ich, dass man jetzt … aus allen Rohren schiessen muss. Sie müssen jetzt nur das eine bedenken, dass Sie ein Deutscher sind, dass das Haus Ihrer Kirche brennt, dass sie genug wissen und was Sie wissen, gut genug zu sagen wissen, um zur Hilfe befähigt zu sein und dass Sie im Grunde mit dem nächsten Schiff auf Ihren Posten zurückkehren müssten! Nun sagen wir: ‘mit dem übernächsten!’» Bonhoeffer kam zurück, wollte Deutschland dann aber erneut verlassen, zu lebensbedrohend war die Lage für ihn geworden. Er nimmt einen Ruf als Gastdozent am Union Theological Seminary in New York an. Während des Aufenthaltes 1939, entschliesst er sich dann doch, nicht in der Emigration zu bleiben, sondern nach Deutschland zurückzugehen: «Ich habe kein Recht, an der Wiederherstellung des christlichen Lebens in Deutschland nach dem Kriege mitzuwirken, wenn ich nicht die Prüfungen dieser Zeit mit meinem Volk teile».

Manuskript des Gedichts «Wer bin ich?»

Bonhoeffer-Gedicht und Melodie von Siegfried Fietz: «No-Go»

Der Vater des reformierten Gesangbuches, Andreas Marti, hat mir vor kurzem in einem Gespräch dargelegt, weshalb der Text von Dietrich Bonhoeffer mit der Melodie von Siegfried Fietz ein «No-Go» sei. Dies sei auch der Grund, weshalb er in allen Gesangsbüchern der drei Landeskirchen fehlt. Möglich war in den Gesangsbüchern hingegen die Verwendung nur der letzten Strophe des Gedichtes mit der Melodie von Otto Abel von 1959 oder als Gebet mit allen sieben Strophen.

  • Zum Ersten begründet sich das «No-Go» in der Übertragbarkeit des Textes in einen öffentlichen Raum. In fast allen Strophen ist die Situation, in der das Lied entstand, ausdrücklich angesprochen: Bonhoeffer hat das Gedicht als Weihnachtsgruss im Gefängnis für seine Angehörigen geschrieben, mit der fast sicheren Gewissheit, dass es ein Wiedersehen nicht mehr geben wird. Die Briefe Bonhoeffers an seine Verlobte waren ursprünglich nicht für die Veröffentlichung bestimmt. Das steht der Aneignung, die für das Singen mindestens partiell gegeben sein müsste, unüberwindlich entgegen.
  • Zum Zweiten steht die geradezu heiter schwingende Melodie in krassem Gegensatz zum Text. Dies wird noch verschärft durch die fragwürdige Refrainstruktur, welche die behutsame Antwort des Schlusses viel zu früh erfolgen lässt. Bonhoeffer wollte mit dem Brief eine Entwicklung aufzeigen, die mit der letzten Strophe eine Erklärung findet. Die letzte Strophe ist die Pointe, die man auflöst, wenn man die letzte Strophe als Refrain nimmt.
  • Zum Dritten ist die individuelle Situation zu beachten. Die beschwingte Melodie passt nicht dazu, dass der Text im Gefängnis unter höchster Einsamkeit, Folter und Todesangst wenige Wochen vor der Hinrichtung Dietrich Bonhoeffers entstand.
  • Zum Vierten stellt man mit der letzten Strophe als Refrain Bonhoeffers Theologie auf den Kopf – es fehlt der Zusammenhang. Ganz als Schüler von Karl Barth spricht Bonhoeffer von einem «religionslosen Christentum». Um zu verstehen, worum es Bonhoeffer hier geht, hilft es, sich klarzumachen, was er mit «Religion» überhaupt meint. Er hat mit seinen Überlegungen nicht etwa bloss eine abgeflaute «Konjunktur» des Religiösen im Auge, sondern das definitive Ende einer bestimmten Epoche des Christentums. Ohne dass wir die Theologie Bonhoeffers kennen, ist es eine postchristologische religiöse Beliebigkeit ohne Profil und nicht christlich.

« … für mich das Ende, aber auch der Anfang»!

Vielleicht singt man das Lied anders, wenn man etwas von Bonhoeffer und seiner Zeit, in der er gelebt hat, weiss. Im Gedicht wird das Positive stark beleuchtet, so dass das Dunkle, der Karfreitag, gern übersehen wird. Bonhoeffers blickt sorgenvoll auf die Zukunft der Kirche und des Christentums. Sorgenvoll aber in der Zuversicht unserer Bewahrung. In seinem Brief bezieht sich Dietrich Bonhoeffer auf ein altes Kinderlied, in dem es um die Bewahrung durch Schutzengel geht und er schreibt: «So ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder»!

Niklas Raggenbass


WER BIN ICH?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.