Vor 150 Jahren: Die Bourbaki-Armee wird interniert

Grösste humanitäre Herausforderung der Schweizer Geschichte

Schweizer Soldaten beim Abrüsten der französischen Bourbaki-Armee

Zur Erinnerung an die Grenzüberschreitung der französischen Bourbaki-Armee vor 150 Jahren lädt das «Bourbaki Panorama Museum» in Luzern – nicht weit vom Löwendenkmal entfernt – zu einer lehrreichen und provozierenden Entdeckungsreise ein. Beim Rundgang durch die Ausstellung sehen wir, wie vielfältig äussere und innere Grenzerfahrungen sein können.

Grenzstationen und individuelles Grenzprofil

Der Genfer Maler Edouard Castres (1838 – 1902) hat 1881 das herzergreifende und beeindruckende Geschehen im monumentalen Rundbild festgehalten. Das Europäische Kulturdenkmal im Format von 112×10 Meter (ursprünglich 112×14 Meter) ist auch ein Symbol der humanitären Tradition, die sich vor der Jahrhundertwende im 19. Jahrhundert ins Selbstverständnis der Schweiz einprägte. Das Bild vermittelt uns die Botschaft der Solidarität und stellt uns ganz persönlich die Fragen zum menschlichen Zusammenleben, zur Gastfreundschaft und zur Grenzüberschreitung. Die Sonderausstellung will Grenzgeschichten erzählen und eigene Grenzen ansprechen, so dass wir unser individuelles Grenz-Profil erstellen können.

Was sich vor 150 Jahren mit der Bourbaki-Armee ereignet hat, geschieht noch heute. Wir erfahren von Menschen, die zur Flucht gezwungen werden und wie ihr Leben bedroht wird. Wir alle kennen Betroffene, sind Helfende oder hören in den Nachrichten von der Situation von Flüchtlingen auf der ganzen Welt: «Bourbaki» gibt es auch heute.

Der spätere Bischof Eduard Herzog (ganz rechts)

Eduard Herzog wird Feldprediger an der Grenze

Es war eine politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich und religiös aufgeheizte Zeit. Während des Ersten Vatikanischen Konzils (1870) gründete Eduard Herzog (1841 – 1924) – erster christkatholischer Bischof der Schweiz (1876 war die Bischofsweihe in der St. Martinskirche in Rheinfelden) – die Zeitschrift «Katholische Stimmen aus den Waldstätten». Herzog hatte mit seinen Mitstreitern den Mut, in seinen Predigten, Saalreden und Beiträgen die Fragen nach den Grenzen zu stellen: «Dass wir auch in der Schweiz gegen den Versuch, den päpstlichen Absolutismus oder was dasselbe ist, den Jesuitismus mit dogmatischer, für alle Gewissen verbindlicher Autorität hinzustellen, Protest erheben (April 1870).» Eduard Herzog wollte aber auch konkret zu den Menschen gehen, wie er das als junger Professor an der theologischen Lehranstalt in Luzern so liebte. Unmittelbar nach der Verkündigung der päpstlichen Unfehlbarkeit erklärte Frankreich den Krieg an Deutschland und noch an demselben 18. Juli 1870 wurde Herzog zum Feldprediger des luzernischen Bataillons 57 ernannt. Sofort musste er mit der Truppe ins Feld ziehen und kam zuerst in das Gebiet der Aare und dann in den Berner Jura – dem heutigen Kanton Jura.

Sei menschlich – auch im Krieg

Eduard Herzog sagte den Soldaten in seinen kurzen Predigten, die nahe der Grenze gehalten wurden, was es hiess, ein Land zu verteidigen. Es gibt Bedrohungen, Gefahr, Krieg, doch geht es dabei nicht um abstrakte und theoretische Ideen, sondern um konkrete Menschen. Im Krieg hat man es mit Menschen zu tun, die Waffen tragen und sich verteidigen können und solche, die keine Waffen tragen. Auch wenn «der Krieg eigentlich etwas Unmenschliches ist» und er höchstens einen «Verteidigungskrieg» gelten lassen wollte, müsse der Soldat menschlich sein: «Den kampfunfähigen Gegner schonen, die Tapferkeit nicht in Mordlust ausarten zu lassen, das Streben, den starken Feind zu schwächen, nicht zur barbarischen Zerstörungswut werden zu lassen; namentlich aber solche, die nicht am eigentlichen Kampfe teilnehmen, wie Greise, Frauen und Kinder, nie als Feinde zu misshandeln» (Walter Herzog, Bischof Dr. Eduard Herzog, S. 39-40).

Wenn der Feldprediger Herzog klar den Punkt ansprach, auf den es im ankam, «sei menschlich – auch im Krieg» und dass es unter den Menschen keine Unterschiede gebe, machte er die Soldaten mit den Leitlinien des Roten Kreuzes aus der Ersten Genfer Konvention (1864) vertraut.

Noch bevor die Bourbaki-Armee in die Schweiz kam, erlebte er die Katastrophe bei Belfort (15. – 17. Januar 1871). Die völlig ungenügend ausgebildeten und schlecht organisierten Soldaten wurden von den Deutschen nahe der Schweizer Grenze eingekesselt. Die siegreichen Deutschen erlaubten die Internierung, mit der man den Oberbefehlshaber der Schweizer Armee General Hans Herzog (1819 – 1894) beauftragte. Tausende von Menschen und Pferden überquerten die Schweizer Grenze.

Solidarität überschreitet Grenzen

Ausschnitte aus dem Bourbaki-Panorama

Wir erfahren beim Rundgang durch die Ausstellung, dass die Schweiz «die grösste humanitäre Herausforderung ihrer Geschichte» schultern musste. Genau vor 150 Jahren – im Winter 1871 kamen 87’000 stark geschundene Soldaten der französischen Bourbaki-Armee mit ihren 12’000 Pferden. Sie kamen während dreier Tage über die Grenze und mussten verpflegt und medizinisch betreut werden. Einmal durch das noch junge Rote Kreuz – gegründet 1863 in Genf – und dann durch die Zivilbevölkerung in 188 Gemeinden. Neben Sympathie gab es auch Kritik. Im «Berner Taschenbuch» war über die Eitelkeit der Internierten zu lesen und im aargauischen Rheinfelden weigerte sich das Bad, den internierten Soldaten Einlass ins Heilbad zu gewähren. Die Stimmung war überwiegend positiv und mitfühlend, wie etwa im luzernischen Rathausen, wo die Internierten zu einer Dampfschifffahrt auf dem Vierwaldstättersee eingeladen wurden.

Grenze beim Helfen unter Lebensgefahr

Viele der französischen Soldaten waren verwundet, krank und durch die eisige Kälte geschwächt. Die Soldaten hatten Kopfweh und Fieber. Es waren hochansteckende und oft tödlich verlaufende Infektionskrankheiten, so dass auch für das Hilfspersonal grosse Lebensgefahr bestand. Ein Augenzeuge schrieb: «Als man die halb verfaulten Verbände abnahm, fielen die brandigen und erfrorenen Zehen ab wie reife Zwetschgen.»

Eine Schwierigkeit in der Bourbaki-Armee war deren Zusammensetzung aus verschiedenen Kulturräumen, denn sie waren zu wenig aufeinander abgestimmt. Es gehörten auch Männer aus Afrika dazu, wodurch die meisten Schweizerinnen und Schweizer zum ersten Mal Menschen anderer Herkunft und Kultur kennenlernten. Der reformierte Pfarrer aus dem bernischen Aarwangen schrieb über die Neugier und das Interesse der Bevölkerung: «Jung und Alt wollte namentlich die Mohammedaner mit eigenen Augen sehen.»

Provokation der grenzenlosen Weite

Wenn wir «an die Grenze gehen» und die «malerisch» erzählten Grenzüberschreitungen weiterdenken, vergrössert das Bourbaki Panorama unseren Horizont der Wahrnehmung. Die Ausstellung will uns Mut zu vielleicht unbequemen, neuen Visionen machen. Die optische Illusion führt uns in eine grenzenlose Weite, durch die wir unser Herz berühren lassen können, gerade wenn wir dazu auch den palästinensischen Schriftsteller Salim Jabran hören: «Die Sonne überschreitet Grenzen, ohne dass die Soldaten auf sie schiessen!»

Niklas Raggenbass


Über Grenzen: Neugier, Hoffnung, Mut

Vom 11. Mai bis 31. Dezember 2022:
Sonderausstellung im Bourbaki Panorama
Löwenplatz 11
CH-6004 Luzern
www.bourbakipanorama.ch

Täglich geöffnet:
Mai bis Oktober: 10-18 Uhr
November bis März: 10-17 Uhr