Liebe ist stärker als der Tod

Predigt im Allerseelengottesdienst von Pfarrerin Denise Wyss – –

Der wirkliche Grund, warum wir heute hier sind, ist nicht der Tod, sondern die Liebe. Die Liebe zu den Menschen, die wir zu Grabe getragen haben. Und diese Liebe sagt: Du bist nicht vergessen. Meine Liebe zu dir ist nicht beendet und deine zu mir auch nicht.  Darum erinnern wir uns heute an unsere Lie­ben: Weil sie nicht vergessen sind und weil wir immer noch mit ihnen verbunden sind. 

Die Liebe zu ihnen ist nicht gestorben. Und doch – auch wenn wir das zutiefst spüren und unser Herz es längst weiss – kom­men wir nicht um Trauer, Schmerz und Angst herum. Es tut weh, einen lieben Menschen gehen zu lassen: Ein Kind, eine Mutter, ein Ehepartner eine Freundin, eine Schwester oder einen Bruder. Es tut weh, dass ein Mensch nicht mehr unter uns weilt wie früher. Es tut weh, wenn wir uns erinnern, wie sie gestorben sind. Aber Gott hat uns Menschen zugeteilt, dass wir auch Trauriges erleben. Wir können diesem Teil des Lebens nicht ausweichen: Die Erfahrung zu verlieren, zu sterben und ster­ben zu lassen. Wir können es nicht vermeiden, Trauer und Verzweiflung zu fühlen.  

Meister Eckhart, der bekannte Mystiker aus dem Hochmittel­alter hat für Königin Agnes von Ungarn, die kurz hintereinan­der Ehemann und Eltern verlor, ein Büchlein geschrieben: Das Buch der göttlichen Tröstung. Darin steht, dass alles Traurige, das wir erleben, von Gott her nur etwas Gutes sein kann. Ein guter Mensch soll vertrauen, dass Gott in seiner Güte und Liebe unmöglich zulässt, dass dem Menschen irgend­ein Leid zustosse, ohne dass etwas Gutes daraus werde und umso grösseren Trost daraus entspringe. 
Schwer zu verstehen. Aber darin finden wir doch auch Trost: Leid und Trauer können nicht das letzte Wort haben, sondern das Gute- weil Gott die Liebe ist. 

Blicken wir mit diesem Gedanken auch auf die russische Ikone auf dem Bild, dass Sie bekommen haben. Auch sie stammt aus dem Mittelalter. Ihr Titel heisst Umilenje, das heisst auf Deutsch so in etwa Gottesmutter der zärtlichen Rührung.  Ob sie nun reformiert, rö­misch-katholisch, oder christ­katholisch sind – oder keiner Kirche angehören: Dieses Bild spricht auf einer zutiefst menschlichen Erfahrungs­ebene alle an. Denn es bildet das ab, was im menschlichen Leben wesentlich ist: Die Ur­form der Liebe. 

Wir sehen Maria und das Je­suskind in einer sehr innigen und zärtlichen Umarmung. Das ist das Urbild der Liebe, wie sie uns im Idealfall als Kinder auf den Lebensweg ge­geben wird. Doch in den Au­gen von Maria zeigt sich be­reits auch Besorgnis. Jede Mutter, jeder Vater, jeder Liebende kennt das. Einmal kommt der Tag des Todes. Liebe und Angst, das sind die zwei Urge­fühle von uns Menschen. Sie wissen, was Maria mit ihrem Sohn später erleben wird. Sogar ihr wurde nicht erspart, das Grauen seiner Hinrichtung zu erleben. Doch später erkannte sie das Gute, das daraus entstanden ist, weil ihr Sohn auferstanden war und damit der Welt Segen gebracht hat. Sie konnte erst im Nachhinein das Gute erkennen, welches die unsagbar schlimme Erfahrung in sich barg.

Paulus schreibt an die Gemeinden in Rom :

Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?  Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? …  Ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Mächte, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. 

Weder Tod noch Leben können uns trennen von der Liebe. Spüren wir das nicht alle auch so? Liebe ist stark wie der Tod, heisst es im Alten Testament. Seit Jesus müsste man den Satz ändern: Liebe ist stärker als der Tod.

Dietrich Bonhoeffer schenkt uns dazu eine wunderbare und bereichernde Auslegung. Ich darf ihn im Folgenden zitieren: 

Einen Kampf gibt es in der Welt, der ohnegleichen ist, in den jeder mit einbezogen ist, ein Krieg der höchsten Gewalten: der Krieg des Todes gegen die Liebe, der Liebe gegen den Tod, zwei Gegner, die in ihrer Hoheit einander wür­dig sind, aber die Liebe ist stark wie der Tod; denn sie ist aus Gott.  Auch der Tod ist von Gott, er hat seine Gewalt nicht aus sich, sondern durch Gott, darum nur kann er der Liebe trotzen, darum aber muss er auch der Liebe unter­liegen, weil er nur das Vorläufige ist, vor dem Letzten, weil Gott nicht der Tod, sondern die Liebe ist.  

Ja, auch der Tod ist von Gott, nicht nur das Leben. Aber die Liebe ist stärker, weil Gott nicht der Tod, sondern die Liebe ist. In diesem Sinne bringt uns die Ikone der Gottesmutter der zärtlichen Rührung heute eine frohe Botschaft: Denn sie zeigt uns auch die Liebe zwischen Gott und uns Menschenkindern. Und weil Gott Liebe ist, dann ist ein Aspekt dieser Liebe auch, dass sie uns und auch unsere lieben Verstorbenen inniglich berührt und hält wie eine Mutter ihr Kind. 

Sehen wir also heute unsere lieben Verstorbenen, wie ein Kind am Herz der Gottesliebe. Sehen wir heute auch uns aufgehoben und getröstet in den Armen Gottes…

…, weil Gott nicht der Tod, sondern die Liebe ist.  

Amen.