Rosen und ‚Saublumen‘

Rosen und Saublumen
Es war einmal ein Mönch, der wollte in einem Kloster einen Rosengarten anlegen. Doch als die Rosen austrieben, wucherte überall dazwischen Löwenzahn. Er probierte alles, um den Löwenzahn loszuwerden, aber ohne Erfolg. Schliesslich ging er den ganzen Weg zu Fuss bis in die Hauptstadt, um beim Gärtner am Palast des Bischofs vorzusprechen. Der weise alte Mann schlug eine Vielzahl von Mitteln vor, um den Löwenzahn auszurotten, aber der Mönch hatte sie schon alle vergeblich ausprobiert. Eine Weile sassen sie schweigend zusammen, bis am Ende der Hofgärtner den Mönch anschaute und sagte: „Nun, dann schlage ich dir vor, du lernst den Löwenzahn zu lieben!“

Jedes Jahr erinnert mich der Löwenzahn (in meinem Dialekt Saublumen) in meinem Garten daran, dass es auch in mir Eigenschaften gibt, die ich am liebsten ausreissen möchte. Es geht mir dabei aber wie dem Mönch: Wenn ich es versuche, wuchert dennoch alles weiter und dringt umso kräftiger an die Oberfläche. So ist mir der Löwenzahl ein Symbol dafür geworden, dass wir unsere Schattenseiten nicht verdrängen sollten. Wir sollten sie vielmehr annehmen und ihnen eine Existenzberechtigung im Garten unserer Seele geben.

Sich selbst anzunehmen mit Stärken und Schwächen, ist aber gar nicht so einfach, wenn eine innere Stimme permanent zu uns sagt: „Streng dich mehr an, dann bist du vielleicht gut genug“… oder: „Du bist nicht gut genug, solange du…“ Diese oder ähnliche Sätze könnten wir versuchsweise mit anderen ersetzen wie: „Jeder Mensch hat Schattenseiten, auch ich. Dadurch kann ich viel lernen.“ Der derbe Löwenzahn neben der edlen duftenden Rose? Beide Pflanzen haben etwas gemeinsam: Ihre Zähigkeit und ihre Lebenskraft. Wenn es uns gelingt, dass wir unsere Licht- und Schattenseiten liebend annehmen können, gewinnen wir dadurch auch eine besondere Lebenskraft. Denn, wer seine Schwächen annehmen und zu ihnen stehen kann, blickt auch mit mehr Milde und Verständnis auf andere.

So werden wir gerade durch unsere Schwächen erst reif und erlangen so eine besondere Würde und innere Kraft. In dieser Haltung kommt wahre menschliche Grösse zum Ausdruck.

Denise Wyss