Der Versuch eines Psalmgebetes

Unsere Arche namens Erde leidet und droht zu sinken.

Ein stammelnder Versuch, HERR, Gedanken zur Schöpfung auszudrücken:

«Wohin flog der Schmetterling?
Er rettete sich in die Herzen Noahs und ­seiner Familie.»
Foto: Kurt Schibler

Die Urflut hast du gezähmt, Du ewiges Du. Kein Chaos soll mehr sein. Die Seite der Zerstörung gebändigt, damit die Kraft des Lebens sich entfaltet. Die Fische im Wasser und die Vögel am Himmel. Auf Bergen und Wiesen Ameisen und Löwen, Nattern und Mensch. Bäume und Sträucher wachsen dem Himmel entgegen. Beeren und Weizen fallen reif zur Erde. Und an den Ästen verpuppen sich Raupen. Im Tau des Morgens erwachen sie in Farbenvielfalt als Schmetterling, um die weite Welt zu erkunden. Erde und Himmel verbunden in der Kraft des Lebens. Frieden im Werden, im Sein, im Vergehen.

Und uns Menschen gabst du die Verantwortung und die Freiheit, die Kraft des Lebens urbar zu machen. Der Friede gedeiht im Wasser, zu Lande und im Himmel. Doch im Menschen floh der Frieden hinweg, wie der Schmetterling sich von der Erde löst, sobald seine Flügel vom Säuseln des Windes getrocknet sind. Im Herzen des Menschen blieb das Chaos und zeigte sich in seiner zerstörerischen Kraft. Du, Hoffnung der Welt, erkanntest den Neid und den Hochmut, das Böse und den Hass im Menschen. Wüst und wirr, die Finsternis der Urflut bemächtigt die Herzen des Menschen. Gefordert warst Du. Die zerstörerische Kraft der Urflut sahst Du kommen. Wohin flog der Schmetterling? Er rettete sich in die Herzen Noahs und seiner Familie. Diese hörten auf das Säuseln des Windes im feinen Flügelschlag des Schmetterlings. Sie bauten eine Arche für sich und alle Tiere. Die irdische Arche wurde überdeckt von der Kraft der Urflut. Dein Geist schwebte erneut über diese ungebändigte Kraft. Wiederum erwachte die Farbenvielfalt des Friedens. Der Regenbogen erinnert an die gebändigte Kraft der Urflut. Frieden im Abschied und in der Vergänglichkeit für den Neuanfang im Leben. Tag für Tag.

Und heute? Insekten verschwinden, Tiere sterben aus, die Lunge der Erde wird gerodet und das Meer mit Plastik geflutet. Unsere Arche namens Erde leidet und droht zu sinken. Ich, wir alle, tragen dazu bei. Gleichzeitig beten wir zu Dir. Und bitten Dich um Unterstützung für alles Mögliche. Doch Dein Säuseln im Wind hören wir nicht. Was würde geschehen, wenn wir das Ohr unseres Herzens öffnen würden, um auch das Säuseln zu hören? Hörend könnten wir erkennen, dass unser Dasein ein Teil unseres Werdens, Seins und Vergehens ist.

Lauschend könnten wir annehmen, dass zu unserem Dasein das Spannungsfeld von Abschied und Vergänglichkeit uns begleitet hinein in ein Leben in Fülle. Keine Angst mehr zu haben, weil das Chaos geordnet ist, wie der Regenbogen Himmel und Erde verbindet. Hörend würden wir uns verwandeln, um den Tag hoffnungsvoll zu begrüssen und verantwortungsbewusst zu gestalten. Schritt um Schritt die Farbenvielfalt der Erde achtsam und umsichtig zu erkunden. In der Schöpfung Dein ewiges Du lobpreisend. Mithelfen, der Arche namens Erde Sorge zu tragen, ohne Angst, etwas zu verlieren oder zu verpassen. Herr, schenke mir ein hörendes Herz. Amen.

Pr. Patrick Blickenstorfer