Die Ukraine und ihre orthodoxe(n) Kirche(n) heute

Eine Zeitreise in zwei Teilen – Teil 2

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3. Neuere Entwicklungen

Im Zug der mit den Namen «Orangene Revolution» (2004) und «Euromaidan» (2013/14) verbundenen Bewegungen für eine verstärkte Ausrichtung einer eigenständigen Ukraine auf europäische Vorstellungen von Rechtsstaat und Demokratie kam – mitinitiiert durch die Staatspräsidenten Wiktor Juschtschenko (2005-2010) bzw. Petro Poroschenko (2014-2019) – auch die Kirche des «Ökumenischen Patriarchats» von Konstantinopel ins Spiel. Vom Ökumenischen Patriarchen wurde erwartet, dass er ein Verfahren einleite, das eine vereinigte Orthodoxe Kirche der Ukraine zur Autokephalie führe, das heisst zur höchsten Stufe von kirchlicher Eigenständigkeit im Rahmen der synodalen Gemeinschaft aller orthodoxen Kirchen. Der griechische Ausdruck deutet an, dass die betreffende Kirche ihr Haupt selbst wählt, der als Erster unter Gleichen (nämlich Mitbischöfen) Patriarch, Erzbischof oder Metropolit genannt wird.

Bild 1: Auf der Vereinigungssynode am 15.12 2019 in der Sophienkathedrale von Kiew war auch der damalige ukrainische Staatspräsident Poroschenko (links im Bild) anwesend. Rechts Metropolit Filaret, in der Mitte der Vertreter des Ökumenischen Patriarchats, Metropolit Emmanuel (Adamakis). Bild: wikimedia, CC BY 4.0

Diese Erwartung hat mit folgenden geschichtlichen Ereignissen zu tun: a) im Jahr 330 errichtete Kaiser Konstantin der Grosse anstelle von Rom in der griechischen Stadt Byzantion am Bosporus eine neue kaiserliche Residenz, die nach ihm benannt wurde; b) im Jahr 381 legte das 2. Ökumenische Konzil im Kanon 3 fest, dass der Bischof von Konstantinopel nach dem Bischof von Rom den zweiten Platz einnehme, mit der Begründung, Konstantinopel sei (als Kaiserstadt) das Neue Rom; c) im Zug einer weitgehenden Entfremdung zwischen östlichen («orthodoxen») und westlichen («katholischen») Kirchengebieten nahm der Bischof von Konstantinopel in der Liste der mittlerweile Patriarchate genannten angesehensten orthodoxen Kirchen den ersten Platz vor Alexandrien, Antiochien und Jerusalem ein; d) nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453) wuchs dem dortigen Patriarchen eine besondere Stellung zu, weil er gegenüber dem Sultan in Istanbul für die gesamte christliche Bevölkerung des Reichs, die als eine einzige «Nation» (millet) betrachtet wurde, verantwortlich war.
Es sei noch ergänzt, dass der seit Ende des 6. Jh. nachweisbare Ausdruck «ökumenischer» Patriarch für den Bischof von Konstantinopel auf einen geographisch universalen Bereich seines Amtes (die «bewohnte» Welt) hinweist, nicht auf die heutige Ökumene im Dienst der Verständigung unter getrennten Konfessionen.

Was im Verlauf dieses Verfahrens vom Herbst 2018 bis in den Frühling 2019 alles geschah, kann hier aus Platzgründen nur verkürzt aufgezählt werden. Erwähnt sei die Einwilligung des Ökumenischen Patriarchats im Oktober, der orthodoxen Kirche in der Ukraine die Autokephalie, also einen vom MP unabhängigen Status, zu gewähren. Zugleich hat es die Kirchenstrafen des MP gegen die UOK-KP und ihren bisherigen Ersthierarchen Filaret aufgehoben. Am 15. Dezember beschlossen auf einer Vereinigungssynode in Kiew die UOK-KP, die UAOK und Teile der UOK-MP, sich zur «Orthodoxen Kirche der Ukraine» (OKU) zu vereinigen; zum Erstbischof mit dem Titel Metropolit von Kiew wurde Epifanij (Dumenko) gewählt; er galt als vertrauter bischöflicher Mitarbeiter von Filaret. [Bild 1] Am 6. Januar übergab der Ökumenische Patriarch Bartholomaios in Konstantinopel den sog. Tomos (Dekret) der Autokephalie an Metropolit Epifanij; hier wie schon vorher in Kiew war der ukrainische Staatspräsident Poroschenko anwesend. [Bild 2]

Dass dem ganzen Prozess bis heute kein durchschlagender Erfolg beschieden war, hat nicht nur mit den heftigen Anschuldigungen des Moskauer Patriarchats zu tun, die das Vorgehen des Ökumenischen Patriarchats als widerrechtliches Eindringen in sein «kanonisches» Territorium verurteilten und die Kirchengemeinschaft suspendierten, sondern auch mit widersprüchlichen Äusserungen und Verhaltensweisen Filarets betrafen. Eine besondere Rolle spielt zudem ein geschichtlicher Streitpunkt: Hat die orthodoxe Kirche des aufstrebenden moskowitischen Zarenreichs, die 1589 von Konstantinopel die Autokephalie erwirkte und somit den Status eines Patriarchats erhielt, im Jahr 1686 vom Ökumenischen Patriarchat auch die vollständige Kirchenhoheit über die orthodoxe Kirche in Kiew und ihren Metropoliten erhalten? Oder ist diese letztlich beim Ökumenischen Patriarchen geblieben?

Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios unterzeichnet den «Tomos», in dem der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) die Autokephalie gewährt wird. Rechts hinter ihm Metropolit Epifanij. Bild: publicorthodoxy.org.

Das ganze Autokephalie-Verfahren im Blick auf die Ukraine hat zu unterschiedlichen Beurteilungen seitens der – bisher unbestritten 14 – autokephalen Kirchen geführt; einige haben zugestimmt, andere sich eines Urteils enthalten, wieder andere es rundweg abgelehnt. Zu den letzteren gehört die Orthodoxe Kirche von Serbien, die sich mit einer ähnlichen Situation wie das Moskauer Patriarchat in der Ukraine konfrontiert sieht: In den neu entstandenen Staaten Nordmazedonien (2001) und Montenegro (2006) gibt es je auch zwei konkurrierende orthodoxe Kirchen, von denen jeweils eine sich als vom Patriarchat Belgrad als unabhängig erklärt (1967 und 1993) und vom Ökumenischen Patriarchat die Gewährung der Autokephalie und damit eine gesamtorthodoxe Anerkennung erhofft. Wie in der Ukraine unterscheiden sich diese konkurrierenden orthodoxen Kirchen nicht in der Lehre, der Liturgie und anderem traditionellen Brauchtum. Deshalb können Bistümer und Gemeinden diesbezüglich ohne Probleme von der einen zur anderen Seite wechseln.
Das Thema «Autokephalie und ihre Proklamation» ist innerorthodox höchst umstritten. Drei kirchliche Grössen spielen dabei eine Rolle: a) die sog. Mutterkirche, die eine ihr administrativ unterstellte Kirchenregion in die volle innere Eigenständigkeit entlassen will oder soll – dies oft deswegen, weil diese in einem anderen oder neuen staatlichen Territorium lebt; b) das Ökumenische Patriarchat, das im Rahmen weiterer Überlegungen zur Gestaltung der weltweiten orthodoxen Diaspora für eine gesamtorthodoxe Zustimmung besorgt ist und, wenn diese vorliegt, die Autokephalie offiziell in Kraft setzt («proklamiert»); c) die Synoden der bereits bestehenden autokephalen Kirchen, die aufgerufen sind, dem Anliegen und Verfahren zuzustimmen.

Dass eine Traktandierung der Thematik für das «Grosse und Heilige Konzil» auf Kreta im Jahr 2016 nicht zustande kam, kann nicht überraschen. Dies hat auch mit der ordnungs- und machtpolitischen Rivalität zwischen der Kirche des Ökumenischen Patriarchats und der Russischen Orthodoxen Kirche zu tun, die ihre eigene Geschichte hat. Dazu gehört z.B. die Prophetie eines russischen Mönchs (um 1510), dass nach dem Untergang des oströmischen Reichs (1453) Moskau das dritte Rom sei, nach welchem es bis zum Ende der Welt kein weiteres mehr geben werde. Folglich heisse der Herrscher von Moskau zu Recht Zar, d.h. Kaiser, und ihm komme die Aufgabe einer Schutzmacht zu für die orthodoxen Völker, die unter muslimischer oder sonstiger nichtchristlicher Herrschaft leben. Entsprechend solle der Moskauer Patriarch in der synodalen Gemeinschaft der autokephalen Kirche mit den entsprechenden Vorrechten der Erste sein.

Man kann in diesem Zusammenhang auch noch auf das heutige Wappen der Russischen Föderation verweisen, wo der oströmische Doppeladler die gekreuzten Symbole von Hammer und Sichel leninistischer Herkunft abgelöst hat. Der Anspruch der russischen Orthodoxie auf besonderes Gehör kommt gelegentlich auch durch den Hinweis zum Ausdruck, dass sie rund die Hälfte aller Orthodoxen auf der Welt umfasse.

4. Vorläufiges Fazit

Für die Ukraine bleibt als vorläufiges Fazit, dass es nach wie vor zwei getrennte orthodoxe Kirchen gibt, die eine mit einer rechtlichen Anbindung an Moskau (UOK-MP), die andere mit einer an Konstantinopel (OUK). Die Ersthierarchen der beiden Kirchen wandten sich unmittelbar nach dem Beginn des Kriegs an die Öffentlichkeit. Dass Metropolit Epifanij von der OUK den russischen Überfall verurteilte, war zu erwarten. Bemerkenswert ist hingegen die Reaktion von Metropolit Onufrij (Beresowskij), der 2014 nach Tod seines Vorgängers zum Primas der UOK-MP gewählt wurde. Er forderte, es sei der Bruderkrieg zwischen dem ukrainischen und dem russischen Volk unverzüglich zu beenden. Der Krieg zwischen beiden wiederhole die Sünde von Kain, der aus Neid seinen eigenen Bruder umbrachte. Dieser Krieg sei weder vor Gott noch vor den Menschen zu rechtfertigen. Seine Kirche verteidige die Souveränität und territoriale Unversehrtheit der Ukraine.

Auf eine vergleichbar klare Aussage des Patriarchen Kirill von Moskau wartet man seitdem vergeblich. Wie immer man das erklären und «verstehen» will, der vom russischen Präsidenten im Februar ausgelöste Krieg gegen die Ukraine stellt für den weltweiten innerorthodoxen Zusammenhalt und das damit verbundene gemeinsame Zeugnis für das Evangelium Christi eine gewaltige Herausforderung dar – auch mit Auswirkungen auf die christliche Ökumene. Wie weit sind wir entfernt von der Vision von «Europa als gemeinsamem Haus», die in der Endphase des orthodox-altkatholischen Dialogs von beiden Seiten begrüsst wurde!

Urs von Arx