Wenn Fremdes vertraut wird

Interreligiöser Dialog

Die Gemeinschaft Christen und Muslime in der Schweiz (GCM) setzt sich seit bald 30 Jahren für den Dialog zwischen Christen und Muslimen in der Gesellschaft ein. Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn unterstützen dieses Engagement.

Die GCM wurde Anfang der neunziger Jahre nach einer OeME-Herbsttagung der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn zum Thema Islam im Kanton Bern als Verein gegründet. Ziel der GCM ist es, durch den Austausch zwischen Mitgliedern verschiedener Religionsgemeinschaften in der Schweiz, die Toleranz und das gegenseitige Verständnis zu fördern und so, nicht nur dem durch die Golfkriege und den islamistischen Terror entstandenen «Feindbild Islam» entgegenzuwirken, sondern auch muslimische Gemeinschaften in der Schweiz für das Christentum zu sensibilisieren. Die GCM wird von einem religiös und geschlechtlich paritätisch zusammengesetzten sechsköpfigen Vorstand geleitet. Wir haben vier seiner Mitglieder zu ihrer Motivation und ihren Erfahrungen befragt: den Theologen Thomas Markus Meier, die Theologin Angela Büchel, den Architekt Nadir Polat und die Juristin Lamya Hennache. Gemeinsam wollen sie sich für ein friedliches Zusammenleben einsetzen, ihren religiösen Horizont erweitern und voneinander lernen.

Die Welt mit anderen Augen betrachten
Abstrakte Bilder vom Islam und vereinfachte Vorstellungen vom monolithisch erscheinenden Christentum sind nur zwei der Antworten auf die Frage, wie die Vorstandsmitglieder vor ihrem Engagement für die GCM die ihnen jeweils fremde Religion wahrnahmen. Durch den persönlichen Kontakt mit Andersgläubigen haben sie viel dazu gelernt: «Man wird sich der gemeinsamen Wurzeln der beiden Religionen bewusst, lernt aber auch deren Unterschiede kennen», sagt Nadir Polat, Co-Präsident der GCM. Und Angela Büchel schildert, dass sie sich durch den Kontakt mit Angehörigen des Islam oftmals sehr vertraut mit dieser Religion fühle. «Es treten aber auch Unterschiede zutage, die man anerkennen muss, ohne von der eigenen Ansicht überzeugen zu wollen», sagt sie. Das setze voraus, dass man versuche, sich in die Lage der anderen Person zu versetzen und die Welt mit ihren Augen zu betrachten. «So lernt man, sie zu verstehen und ihre Sichtweise zu akzeptieren. Es braucht Achtung und Sorgfalt im Umgang miteinander, und man muss Grenzen anerkennen.» Denn Religion sei etwas Persönliches, eine Heimat. Besonders herausfordernd sind emotional aufgeladene Themen, in denen sich Religion und Politik vermischen, etwa der Israel-Palästina-Konflikt. «Solange Respekt zwischen uns herrscht, können wir konstruktive Diskussionen führen», ist Lamya Hennache überzeugt.

Impulse von Andersgläubigen
Die GCM informiert ihre 120 Mitglieder und weitere 210 Interessierte zweimal jährlich in einem Rundbrief über aktuelle Themen und Aktivitäten. Nebst Publikationen zur Situation von Musliminnen und Muslimen in der Arbeitswelt, in Bildungseinrichtungen und Spitälern sowie zu muslimischen Bestattungen, organisiert die GCM auch diverse Veranstaltungen. Dazu gehören eine 1.-August-Feier im Haus der Religionen in Bern, ein Iftar-Essen (das abendliche Fastenbrechen während des Ramadan) und regelmässige interreligiöse Frauentreffen in Zürich zu aktuellen Themen.

Zu den weiteren Bildungs- und Begegnungsangeboten gehören Reisen in vom Islam und Christentum geprägte Länder oder Aktivitäten wie Skitage oder Museumsbesuche. «Das Besondere dieser Aktivitäten liegt darin, dass man in lockerer Atmosphäre Impulse von Andersgläubigen bekommt und so viel über die eigene Religion lernen kann», sagt Lamya Hennache. In einem solchen Rahmen diskutiere man zudem nicht nur als Christin oder Muslim miteinander, sondern es können auch die anderen Rollen, die man im Alltag besetzt, zum Vorschein kommen. Auf diese Weise dienen diese Freizeitaktivitäten als Ausgleich zu den anderen interreligiösen Veranstaltungen, wo mehrheitlich aus religionsperspektivischer Haltung diskutiert wird.
Die Freizeitaktivitäten richten sich dabei explizit auch an jüngere Menschen. Denn es ist der GCM ein grosses Anliegen, den interreligiösen Austausch bereits in jungen Jahren zu fördern. Die Heranwachsenden machen dabei wertvolle Erfahrungen, die nicht zuletzt auch in ihrem Alltag ein Gewinn sind.

Ein Anliegen von allen
Die GCM steht allen Interessierten als Kompetenzzentrum für den christlich-islamischen Dialog offen. Es ist jedoch eine Herausforderung, ihre Themen und Aktivitäten einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Sie würden sowohl auf muslimischer wie auch auf christlicher Seite noch zu wenig wahrgenommen. «Solange sich nicht eine Mehrheit der Bevölkerung für die Rechte der Minderheiten einsetzt, werden Minderheiten noch lange mit Problemen wie der Friedhofsfrage oder für den Bau von Moscheen kämpfen müssen. Die Anliegen der Minderheiten sollten nicht die Anliegen der Minderheiten bleiben. Alle müssen gemeinsam für sie eintreten. Dabei ist wichtig zu beachten, dass wir von einem beidseitigen Prozess sprechen und es gemeinsame Schritte sind, die von allen Beteiligten der Gesellschaft gemacht werden sollten», so Nadir Polat.

Viele Herausforderungen von muslimischen Gemeinschaften seien jedoch nicht in erster Linie religiöser Art, sondern komplexer: «Es sind Fragen, die sich ihnen als Minderheit stellen», erläutert Markus Meier. Es brauche vielleicht einfach eine gewisse Zeit, bis sich die verschiedenen muslimischen Gemeinschaften finden und sich als Minderheit innerhalb der Mehrheitsgesellschaft organisieren. Diese Zeit haben andere Glaubensgemeinschaften in der Geschichte, etwa die Katholiken nach der Gründung des Bundesstaates, auch gebraucht. Angela Büchel ergänzt: «Es muss nicht immer alles sofort gelöst werden. Man muss einander Zeit und Raum schenken.»

Zeadin Mustafi
Praktikant Fachstelle Migration der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, Vorstandsmitglied bei GCM, www.g-cm.ch
Erstabdruck im Ensemble, Magazin der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, Nr. 52, Oktober 2020

Sind Sie auch an interreligiösen Themen interessiert? Dann kommen Sie doch zum interreligiösen Netzwerktag am 20. März 2021 (https://christkatholisch.ch/post/lkbern-interreligioes/interreligioeser-netzwerktag/).