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«Es gibt nichts, worüber man in der Kirche nicht reden darf»

Der emeritierte Bischof Hans Gerny stellte sein Buch «Glaube ist kein Leistungssport» vor

In seiner ökumenischen Predigt vom 19. November 2017 in der Oltner Klosterkirche erwies sich der emeritierte christkatholische Bischof Hans Gerny als kritischer Zeitgenosse, für den der Glaube an die Schöpfung und die Evolutionstheorie keine Widersprüche sind. «Wer vorgegebene Gedanken akzeptiert, ist unmündig. Ein starker Glaube ist gut, wenn das Denken ebenso stark ist.» Eigenständiges Denken habe die Theologie umgekrempelt, der Glaube habe im Verlaufe der Jahre Risse bekommen. «Gott schuf die Welt, aber er erklärt sie nicht. Das Wie wird nicht erklärt, weil sonst die ehrfürchtige Distanz zur Schöpfung überschritten wird.»

Solche Aussagen machten neugierig auf Gernys Buch «Glaube ist kein Leistungssport», das er im Anschluss an den Gottesdienst mit rund 50 Besucherinnen und Besuchern signierte. «Am wichtigsten ist mir immer, mit meinen Worten die Menschen zu erreichen, wo sie auch tatsächlich leben. Ich möchte auf ihre Fragen und ihr Suchen eingehen können. Ich versuche so zu reden, dass sie sich ernst genommen fühlen. Sie sollen wissen, dass es in einer christlichen Gemeinde nichts gibt, was man nicht fragen und worüber man nicht reden darf. Eine Schwäche der Kirche ist, dass sie das Fragen zu wenig fördert und unterstützt», sagt Gerny unter anderem in seiner Einführung zu diesem Buch. In seiner Predigt bezog er sich auch auf den griechischen Philosophen Sokrates, der gesagt hatte: «Wir haben die Antwort gesucht und nicht gefunden; wir suchen morgen weiter.» Und: «Ich weiss, dass ich nichts weiss.» Menschen, die kritische Fragen stellten, seien ihm ohnehin lieber als jene, die glaubten, für alles eine Antwort parat zu haben.

Das Buch fand grossen Anklang; jedes einzelne wurde von Hans Gerny handschriftlich mit einer persönlichen Widmung versehen. Auch die anwesenden Fratres des Kapuzinerordens erhielten ein Exemplar geschenkt; dies als Dankeschön an die bereits ein Jahr andauernde Gastfreundschaft, die der Orden der christkatholischen Kirchgemeinde Region Olten gewährt, weil derzeit die Stadtkirche renoviert wird. «Wir fühlen uns sehr wohl hier. Der ökumenische Zusammenhalt ist sehr wichtig und nicht mehr wegzudenken», würdigte Kirchgemeindepräsident Kurt Stutz die Zusammenarbeit mit den Fratres. Diese liessen es sich nicht nehmen, am anschliessenden Apéro im christkatholischen Kirchgemeindehaus teilzunehmen, was zu interessanten Gesprächen über die Konfessionsgrenzen hinweg führte: Gelebte Ökumene also.

Von Beat Wyttenbach