Kirche St. Beatus

Ein einfaches Gotteshaus und doch ein Kleinod

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Kirchenpatron Thun

Versteckt unter den Bäumen und recht unscheinbar steht im Göttibachquartier an schöner Lage die kleine Kirche der christkatholischen Gemeinde Thun.
Es ist ein einfacher Zweckbau mit gotischen und klassischen Formen am Äussern. Das Innere ist reicher und mit fremden Stilelementen ausgestaltet: Eine Eichentäferung mit schönen neugotischen Schnitzereien und Inschriftentafeln in englischer Sprache erinnern an die interessante Geschichte des Gotteshauses. 1840 wurde die Kapelle als eine der ersten englischen Kirchen in der Schweiz erbaut. Sie ist heute die älteste, die noch erhalten ist. Seit über einem halben Jahrhundert ist sie im Besitz der christkatholischen Gemeinde Thun.
Im Sommer 1994 wurde die Kirche gründlich renoviert. Das gab den Anstoss, in die Baugeschichte der Kapelle und in das wechselhafte Geschick ihrer Benutzer zurückzublicken. Dabei wird deutlich, dass die kleine Thuner Gemeinde mit Sorgfalt und Respekt das einfache Gotteshaus für sich und die Allgemeinheit erhalten will.
Und in seiner Art ist es genau das richtige für die Thuner: ein heimeliger Raum für eine familiäre Gemeinde.

Ein Zeugnis aus der touristischen Vergangenheit

Eine englische Kirche in Thun? In einer Kleinstadt ohne anglikanische Gemeinde, ja ohne englischsprechende Einwohner? Um das zu verstehen, müssen wir zurückschauen in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals entstand all das, was wir heute unter „Tourismus“ verstehen.
Natürlich war man auch schon in früheren Jahrhunderten gereist. Kaufleute besorgten seit der Urzeit einen Warenaustausch zwischen Völkern und Kontinenten. Im Mittelalter war nebst Kriegszügen die Pilgerfahrt Hauptantrieb für die beschwerliche Reise durch Landschaften, die zum grössten Teil noch im Urzustand waren. Im Zeitalter der Aufklärung wurden Bildungsreisen Mode, vor allem nach Italien.
Als Erfinder des modernen Tourismus können wir die englische Oberschicht des 19. Jahrhunderts bezeichnen. Die Adligen und die Industriellen Grossbritanniens besuchten als erste fremde Länder aus blosser Neugierde, Langeweile oder der Gesundheit zuliebe. Die Art, die Schweiz und ihre Berge zu sehen, wurde damals, vor 200 Jahren, „erfunden“. Berge waren nicht länger mehr Symbole für Lebensfeindlichkeit, für schreckliche Gefahren und Unfruchtbarkeit, vielmehr sah man sie romantisch verklärt, bezeichnete sie als „hehr“ oder als Ziele für den sportlichen Ehrgeiz.
Als erste entdeckten Dichter das Alpenland, Rousseau, Goethe, Lord Byron, und mit dem grössten Erfolg der Berner Albrecht von Haller. Was sie beschrieben, das wollten andere auch erleben: die bizarre Landschaft, die unverdorbene Natur, das einfache Hirtenvolk. Und so kamen die, die dank der Arbeit anderer über genügend Geld verfügten. Das waren damals vor allem Engländer, deren Heimat mit der Industrialisierung dem Kontinent weit voraus war.
Die damaligen Touristen waren nicht anders als die heutigen: Sie wollten die rauhe Natur, das einfache Volk sehen, selber beanspruchten sie am Urlaubsort aber den gewohnten Komfort der Heimat. So wurden bald die ersten speziellen Unterkünfte für die Reisenden gebaut; Hotels lösten die Wirtschaften, grösseren Bauernhöfe und Pfarrhäuser als Logis ab.
Die ersten Hotels waren auf den Sommertourismus ausgerichtet, das betraf sowohl die Einrichtung als auch den Standort. Da bot sich Thun mit seinem See und dem prächtigen Blick in die Berge als „Tor zum Oberland“ in erster Linie an. So entstanden vor dem Obertor die grossen Hotels, die ganz auf den Geschmack des internationalen Publikums ausgerichtet waren.
Natürlich „entstand“ das alles nicht einfach, es waren Menschen, die mit Phantasie und grossem Einsatz ihr Geld riskierten und den Fremdenort Thun aufbauten. Dabei ist in erster Linie die Familie Knechtenhofer zu nennen. 1813 kaufte Jakob Wilhelm das Lindengut im Göttibach und richtete eine erste Pension ein. Seine Söhne führten das Werk zielstrebig weiter mit den Bauten des Hotels Bellevue und des Kursaales samt vielen Nebengebäuden. Und dazu gehörte auch eine Kirche für die englischen Gäste.
1840, im gleichen Jahr wie das „Du Parc“, wurde die Kapelle am Waldrand errichtet. Auch die Kirchenbenützung war auf Sommerbetrieb ausgerichtet. Der Chaplain, der englische Geistliche, lebte bei freier Kost und Unterkunft im Hotel. Als Entgelt durfte er die Kollekte behalten. Als Glöckner zog jeden Sonntag morgen zweimal der Liftboy vom Bellevue am Seil und rief mit dem hellen Klang die Gläubigen zum „service“.
Und dieses selbe Glöcklein klingt jetzt wieder im erneuerten Turm. Es gibt nicht bloss Zeugnis von einer Zeit, da auch in den Ferien der sonntägliche Gottesdienstbesuch selbstverständlich war, es gibt auch den Blick frei auf die Motive der Erbauer. Denn auf der bei Rüetschi in Aarau gegossenen Glocke steht nicht etwa ein Bibelspruch, vielmehr sind die Namen der Gebrüder Knechtenhofer darauf vermerkt.
Erfolg stellt sich nur bei grossem Einsatz und kaufmännischem Rechnen ein. Von letzterem legt die englische Kirche Zeugnis ab. Zwar stellten Knechtenhofers ihren Gästen gerne eine eigene Kirche zur Verfügung (und warben damit wohl auch kräftig), der Bau selber aber wurde als „Sommerhaus“ in ganz einfacher Manier und aus Abbruchmaterial eines älteren Gebäudes aufgerichtet. Die Ausschmückung wurde spendefreudigen Gästen überlassen, worauf noch verschiedene Messingtafeln hinweisen.
Die grosse Zeit des Tourismus und der englischen Gäste ging in der Katastrophe des 1. Weltkrieges unter. Es ist sicher ein Glücksfall, erlitt die Göttibachkirche nicht das gleiche Schicksal wie andere englische Kirchen, die in der Folge wegen Nichtgebrauchs abgerissen wurden. Dafür war ein einmaliger Umstand verantwortlich: die christkatholische Kirchgemeinde Thun.

Christkatholiken zu Gast bei den Anglikanern

Ein ständiges Problem in der Geschichte der christkatholischen Gemeinde Thun ist die Suche nach einem geeigneten Gottesdienstort. Dreissig Jahre lang war die Gemeinde bei den anglikanischen Glaubensfreunden Gäste. Wegen der Zeitumstände allerdings benützten sie die Göttibachkirche allein und trugen mehr und mehr auch die Last des Gebäudeunterhaltes. 1942 bot die Thunerhof AG, die Rechtsnachfolgerin der Familie Knechtenhofer, der Kirchgemeinde die Kirche zum Kaufe an. Die Offerte wurde freudig ergriffen. Der neue Besitz war allerdings in ziemlich desolatem Zustand, so hatte der Glockenturm wegen Einsturzgefahr bereits abgetragen werden müssen.

„…erwirb es, um es zu besitzen“

Mit einer grossen Renovation wurde das Gebäude 1946 vor dem Zerfall bewahrt. Dabei wurden verschiedene Umgestaltungen vorgenommen, die jetzt teilweise rückgängig gemacht wurden.
Am Aeussern wurde die Schieferbedachung durch Ziegel ersetzt. Schon damals musste das Vordach saniert werden. Am meisten änderte jedoch der neue zentrale Zugang von der Bellevuestrasse her den vertrauten Anblick. Bis dahin gab es links und rechts des Vordaches Freitreppen.
Im Innern wurde ein Windfang eingebaut, flankiert von Schränken für den dringend benötigen Stauraum. Eine elektrische Heizung ersetzte den gefährlichen Ofen, gleichzeitig wurde auch das elektrische Licht eingerichtet. Wohl bei dieser Gelegenheit wurde eine heruntergehängte Decke eingezogen. Damit erhielt der Raum ein sehr eckiges Aussehen. Aus Teilen der Rückwand wurde der Altar geformt, der bei der Einweihung am 16. Juni 1946 von Bischof Dr. Adolf Küry geweiht wurde.
Dreissig Jahre später erhielt die Kirche einen Neuanstrich und neue Bänke. 1984 wurde an der Nordwestecke eine WC-Anlage angebaut und der Weg zur Kirche mit Verbundsteinen gepflästert. Eine ganz besondere Freude machte sich die Gemeinde 1990 mit dem Bau der kleinen Pfeifenorgel aus der Werkstatt von Thomas Wälti.
Im Estrich wurde immer noch das alte Glöcklein der Gebrüder Knechtenhofer aufbewahrt. Es sorgte dafür, dass in verschiedenen Köpfen der Traum vom Türmlein auf der Kirche hartnäckig bestehenblieb. 1993 beschloss die Kirchgemeinde, den Traum zu verwirklichen. Im gleichen Jahr fiel der Entscheid, die Kirche einer umfassenden Restaurierung zu unterziehen. Dazu war die Gemeinde in der Lage dank einem grossen Legat, das Helene Joliat hinterlassen hatte.

Gründlich saniert

Es war höchste Zeit. Bei der Planung rateburgerten die Fachleute, ob der Verputz abgeschlagen und neugemacht werden sollte. Schliesslich entschloss man sich zu einer Erneuerung von Grund auf. Und das war gut, denn unter dem scheinbar intakten Verputzt zeigten sich teilweise gravierende Schäden am Holz des Ständerwerkes. Die Hoteliers hatten eben mit billigem Material ein Sommerhaus gebaut, das nicht für die Ewigkeit bestimmt war. In noch schlimmerem Zustand zeigten sich die Stützen des Vordaches, die alle ersetzt werden mussten. Jahrelang war unbemerkt Wasser eingesickert, so dass die Stützen total faul waren.
Mit einem kurzen Spektakel und einem fröhlichen Gemeindefest begann die grosse Arbeit. Am 11. März 1994 wurde mit einem Helikopter das fertig montierte Türmchen aufs Dach gesetzt. Bereits am 9. April konnten die Schülerinnen und Schüler das Glöcklein aufziehen, und eine Woche später läutete es zum erstenmal wieder zum Gottesdienst.
Während die Gemeinde für ihre Gottesdienste in der Kapelle der Marienkirche zu Gast war, wurden die Bauarbeiten vorangetrieben. Mit den besten Mitteln, die uns nach den heutigen Erkenntnissen zur Verfügung stehen, sind nun Holz- und Mauerwerk saniert und ein solider, glatter Verputz schützt sie. Der Anstrich entspricht demjenigen, der unter vielen Schichten als der originale erkannt wurde: Die Flächen weiss, Fenster und Eckbretter grau. So hat das Kirchlein ein überaus vornehmes Aussehen erhalten.
Markante Veränderungen sind im Innern zu bemerken. Die heruntergehängte Decke wurde entfernt. Bei ihrer Montage war allerdings die originale Decke so beschädigt worden, dass sie mit Platten abgedeckt und dann glatt gestrichen wurde. Nun sind die Eckrundungen wieder sichtbar und geben auch dem Innern eine vornehme Note.
Bei einer vorhergehenden Renovation war der Boden mit Gussasphalt ausgegossen worden. Darunter befanden sich rote Tonplatten. Den Wänden entlang wurde ein schwarzer Streifen Ringgenberger Stein sichtbar, die Platten, auf denen die Wände ruhen. Die Tonplatten konnten nicht mehr verwendet werden, da sie nur in Sand lagen und vom Asphalt verschmutzt waren. So wurde der ganze Boden ausgegraben, ein solider Betonboden eingebaut, auf dem eine Bodenheizung verlegt wurde. Mit neuen Tonplatten wurde der Boden bedeckt, wobei das ursprüngliche Aussehen mit dem schwarzen Randstreifen wiederhergestellt werden konnte.
Auf Drängen der Denkmalpflege wurde der Windfang und die Schränke entfernt. Damit kommen die originellen Blechtafeln mit den 10 Geboten an der Rückwand viel besser zu Geltung. Als Gegenstück zur Orgel wurde auf der andern Seite ein neuer Schrank gebaut. Extra angefertigte Beleuchtungskörper vervollständigen das neue Erscheinungsbild.
Von aussen nicht zu sehen und darum vor den Kirchenbesuchern versteckt, wurde die Sakristei vergrössert. Die bisherige hatte bloss die Grösse einer winzigen Kammer, in der sich kaum zwei Personen aufhalten konnten. Man erstellte die neue unterirdisch unter dem Weg hinter der Kirche, wofür die Burgergemeinde Thun grosszügig das Baurecht gewährte. Gleichzeit konnte ein zweiter, kleinerer Raum für das Archiv erstellt werden. Nun haben Priester, Ministranten und Sigristin zwar nicht übermässig, aber doch genug Platz, um sich in Ruhe auf den Gottesdienst vorzubereiten.
Das Aushubmaterial schüttete man westlich der Kirche auf. So erhielten wir einen schönen ebenen Platz, auf dem ab und zu nach dem Gottesdienst ein Kaffee oder ein Drink ausgeschenkt werden.

Andenken an eine Wohltäterin

Dass diese grosse Renovation überhaupt möglich wurde, verdankt die Gemeinde dem verstorbenen Gemeindeglied Helene Joliat. Mit ihrer grossherzigen Vergabung ermöglichte sie die ganze Restaurierung. So hat sie, die ihr Leben lang treu zur christkatholischen Gemeinde Thun gestanden ist und ihr auch als Kirchgemeinderätin und Protokollführerin gedient hat, noch über den Tod hinaus als Wohltäterin gewirkt. Wir, die sie gekannt haben, werden sie in lebhafter und dankbarer Erinnerung behalten! Eine Inschrift am Chorbogen soll auch für spätere Generationen ihr Andenken lebendig erhalten:

Zur Ehre Gottes
und zum Andenken an
Helene Lucie Joliat
3. Oktober 1910 – 5. März 1993
Dank ihrem grossherzigen Legat konnte diese Kirche im Sommer 1994 total erneuert werden.
Sie ruhe im Frieden ihres Herrn!

 

Blick in die Zukunft

Auch in Zukunft wird die englische Kirche der christkatholischen Kirchgemeinde Bau- und Unterhaltsprobleme bringen. Schwerer wiegen die Sorgen, die wie alle Kirchgemeinden auch die Christkatholiken in Thun belasten, die Frage nach der Zukunft. Doch solange es hier und andernorts einsatzfreudige und grossherzige Kirchenglieder gibt, wie es Helene Joliat vorgelebt hat, so lange können wir mit Hoffnung und Freude in der Kirche arbeiten.
Denn bei allem gilt, was bei den Inschriften in der Kirche immer am Anfang steht:

„To the glory of God“ – Zur Ehre Gottes haben wir das Werk begonnen und in seinem Dienst führen wir es fort. Dem Dreieinigen sei der erste und der letzte Gedanke gewidmet.