Aus der Kraft von damals unsere Zukunft gestalten

Jubiläumsausstellung «unterwegs» – Interview mit Adrian Suter, Patrick Zihlmann und Ruedi Rey

Im Interview mit „Zoom“: Adrian Suter, Ruedi Rey, Patrick Zihlmann und Franz Osswald (von oben links im Uhrzeigersinn)

Die Christkatholische Kirche feiert zwischen den Jahren 2021 und 2026 verschiedene Jubiläen, die ihren Entstehungsprozess aufzeigen sollen. Sie tut dies mit einer Wanderausstellung. Was hinter dem «Jubiläen-Marathon» steht, erläutern die drei Mitglieder der Steuerungsgruppe.

Fünf Jahre Jubiläum an Jubiläum – ist das nicht ein bisschen übertrieben? Warum feiert die Christkatholische Kirche ihr Bestehen über einen so langen Zeitraum und nicht mit einem einzigen feierlichen Event?

Adrian Suter: Die über mehrere Jahre dauernden Jubiläumsfeierlichkeiten sind Ausdruck eines Wandels und ein gutes Bild für den Entstehungsprozess unserer Kirche. Lange wurde der «Oltner Tag» als Startpunkt unserer Kirche betrachtet, der 1. Dezember 1872. Unsere Kirche hat sich aber in Tat und Wahrheit über einen längeren Zeitraum gebildet, vom Moment an, wo sich 1871 liberale Kreise von der Römisch-Katholischen Kirche abwandten, bis 1876 zur Wahl und Weihe von Bischof Eduard Herzog. Ein Prozess, der auf mehreren Ebenen stattfand: Lokal durch die Gründung von Kirchgemeinden; national durch die Erarbeitung einer Kirchenverfassung, die 1875 angenommen wurde; international durch die frühen Altkatholikenkongresse. Die Jubiläumsjahre, in denen immer wieder eine Wegmarke gefeiert wird, wollen diesen Prozess anschaulich verdeutlichen.

Die Ausstellung nimmt Fragestellungen der Entstehungszeit auf, überträgt diese Spannungsfelder aber auch auf die heutige Kirche…

Patrick Zihlmann: …genau. Wir haben uns überlegt, welche Fragen wurden damals gestellt und was von damals für unsere Zeit noch Gültigkeit hat. Der Blick nach vorne ist wichtig, die Frage: «Was hilft uns von der Kraft von damals für unseren heutigen Weg?». Es ging damals darum, sich zu finden, sich selbst zu definieren. Zum Beispiel die Frage, ob die Christkatholiken einen Bischof brauchen oder nicht. Aus solchen Diskussionen hat sich eine gute Streitkultur entwickelt, die heute wie damals entscheidend ist.
Adrian Suter: Wir wollen auf diese Spannungsfelder hinweisen, zum Denken anregen, aber keine pfannenfertigen Antworten liefern. Unser Ziel ist es, eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Themen einzuleiten.

Der Titel der Ausstellung lautet «unterwegs». Nur deshalb, weil es eine Wanderausstellung ist?

Ruedi Rey: Wir haben verschiedene Varianten besprochen, dabei galt es auch, einen Titel zu finden, der auch auf Französisch gangbar ist. Mit «unterwegs» – «en route» war das der Fall.

Adrian Suter: Wir wollten keine «zentrale» Feierlichkeit, sondern aufzeigen, dass wir auf allen Ebenen gemeinsam unterwegs sind. Keine Ausstellung, die abfeiert, wie toll wir alles gemacht haben. Wir wollen uns zwar an den Werten der alten Kirche orientieren, aber sie nicht kopieren. Das Überlieferte und Vergangene soll für unsere heutige Situation und zukünftige Ziele nutzbar gemacht werden – im Sinne von: «unterwegs» aus der Vergangenheit in die Zukunft. Deshalb haben wir nach Spannungsfeldern gesucht und zum Beispiel in «Tradition & Erneuerung» gefunden. Weitere sind: «Auseinandersetzung & Konsens», «Verbindlichkeit & Freiheit» und «Individuum & Gemeinschaft».

Wie muss ich mir nun diese Ausstellung vorstellen?

Adrian Suter: Die vier Spannungsfelder werden in vier Blöcken zu vier Tafeln behandelt. Auf der ersten Tafel wird die Grundidee der Thematik vorgestellt. Auf der zweiten Tafel wird das «Damals» erläutert, die dritte Tafel führt die Thematik ins «Heute und Morgen». Die vierte Tafel ist nahezu leer, enthält nur eine Frage, die als Einladung gedacht ist, darüber nachzudenken und eine Antwort oder Meinung zu formulieren. Da steht beispielsweise «Was ist ein alter Zopf?».

Patrick Zihlmann: Die Ausstellung soll dazu anregen, sich eigene Gedanken zu machen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung sollen darüber nachdenken, was war, was ist, was das mit ihrem eigenen Leben zu tun hat und was sie persönlich beitragen könnten.

Infotafeln aufstellen – ist das nicht ein etwas altbackenes Konzept?

Ruedi Rey: Wir wollten keine langweilige Ausstellung machen. Keine «wahrheitsgetreue» Chronik des Vergangenen, weil die Sichtweisen zu different sind. Neben den Tafeln werden Videosequenzen zu sehen sein, in denen Menschen aus verschiedenen Gemeinden erzählen, wie sie ihre Kirche in Bezug auf die Spannungsfelder wahrnehmen. Das ergibt ein vielfältiges Bild unserer Kirche. So individuell wie die Meinungen der Leute sind, soll auch der Einstieg in die Ausstellung möglich sein. Jeder und jede kann dort beginnen, wo das Interesse gerade geweckt wird. Das kann bei den Tafeln zu den Spannungsfeldern sein, eine Videosequenz oder der Rätselparcours für Kinder und Jugendliche oder die Audiodateien, die nebst den knapp gehaltenen Informationen auf den Tafeln einen tieferen Einblick in die Thematik ermöglichen. Zudem wird es auf den Tafeln verschiedene QR-Codes geben, die jeweils das Thema ausführlicher auf der Jubiläumswebsite erklären. Dort sind laufend aktualisierte Informationen einsehbar. Auch diese Seite ist sozusagen unterwegs und gibt Einblick in den bisherigen Ausstellungsverlauf. Wir wollen die Themen lustvoll angehen.

QR-Code? Hat da die Pandemie noch Vorschub geleistet?

Adrian Suter: Ja. Es gab anfangs – im Jahre 2019 – skeptische Stimmen, die zweifelten, ob ein solcher QR-Code nicht eine Überforderung sei. Aus heutiger Sicht stellt dieses Angebot kein Problem mehr dar, da pandemiebedingt immer mehr Menschen solche und andere Digitaltechnik nutzen.

Wenn wir schon vom Heute und dem Blick nach vorne reden: Welches Ziel für die Zukunft verfolgt denn die Ausstellung?

Adrian Suter: Die Zukunft spielt in den Diskussionen in unserer Kirche schon bisher eine wichtige Rolle. Man denke an die offenen Diskussionen an der Nationalsynode, zuletzt bei der «Zukunftswerkstatt» 2018 in Basel. In der Ausstellung wird auch ein «Zukunftsbuch» aufliegen, in das die Besucherinnen und Besucher ihre Wünsche eintragen können. Die Gemeinden sollen aber durch «unterwegs» auch dazu animiert werden, ein eigenes Begleitprogramm zu gestalten, in dem die lokale Situation dargestellt werden kann. Gemeinden, denen das nicht möglich ist, können Ideen und Aktionen anderer Gemeinden übernehmen. Es ist ja auch Sinn der Ausstellung und der Jubiläen, die Vernetzung der Gemeinden zu stärken.

Ist es unter anderem dieser Gedanke der Vernetzung, der dem Logo zu Grunde liegt?

Ruedi Rey: Ja, so ist es gemeint. Einerseits zeigt das Logo den Charakter der Wanderausstellung, die an verschiedenen Orten stattfindet, andererseits weist es auf die Verbundenheit aller Gemeinden hin, aber auch auf das grössere Ganze, das alles umschliesst. Wir sind, und das kommt aus dem Logo deutlich hervor, keine hierarchisch strukturierte Kirche, sondern eher ein «Netzwerksystem». Die Farben sollen die Verschiedenheit der Gemeinden in unserer Kirche darstellen und entsprechend frisch daherkommen.
Patrick Zihlmann: Gerade darin liegt ja die Stärke der Christkatholischen Kirche. Bei uns sind die Wege kurz, man kennt sich. Das verleiht uns eine gewisse Flexibilität.

Die Ausstellung zeigt wichtige Themen und den Charakter unserer Kirche auf. Wird das auch für den Religionsunterricht genutzt, damit die Kinder und Jugendlichen in Zukunft ein Teil unserer Kirche bleiben?

Patrick Zihlmann: Die Ausstellung spricht ja mit dem Rätselparcours diese Gruppe an. Sicher kann die Ausstellung Teil des Religionsunterrichts werden oder die Jugendlichen können die Ausstellung besuchen. Im Spannungsfeld «Individuum und Gemeinschaft» ist die Firmung Teil des Themas, ausserdem die Christkatholische Jugend. Unser Ziel ist es, dass die Jugendlichen spüren, dass sie in dieser Kirche etwas bewegen können – sie müssen es aber selbst in die Hand nehmen.

Die Ausstellung startet am 24. September in Luzern. Warum gerade dort?

Adrian Suter: Das hat verschiedene Gründe. Einen bildet die Schützenhausversammlung vom 31. März 1871 in Luzern und Pfarrer Johann Baptist Egli, der als erster abtrünniger Geistlicher exkommuniziert worden ist. Andererseits hat es auch einen praktischen Grund: Ruedi Rey und ich sind in dieser Gemeinde zuhause. Das ermöglicht uns, sozusagen mit einem «Heimspiel» zu beginnen und die erste Ausstellung intensiv zu begleiten, so dass uns ein guter Start gelingen sollte.

Patrick Zihlmann: Was die weiteren Termine anbelangt, sind wir daran, die Wunschdaten der Gemeinden aufzunehmen und eine «Tour de Suisse» zusammenzustellen. Unser Wunschort für den Abschluss der Ausstellung 2026 ist die Stadtkirche St. Martin in Rheinfelden, der Weiheort des ersten Bischofs der Christkatholischen Kirche der Schweiz.

(of)